Lexipedia

Bieri Peter · Ständerat · 2011-06-15

Bieri Peter · Ständerat · Zug · Christlichdemokratische Fraktion · 2011-06-15

Wortprotokoll

Ich möchte dem Bundesrat bestens dafür danken, dass er die Annahme meines Postulates beantragt. Ich bin in Gesprächen mit Personen, die im Hochschulbereich eine grosse Erfahrung besitzen, auf dieses Anliegen aufmerksam geworden. Nicht ohne einen gewissen Stolz vermelden wir ja, dass unser Hochschulsystem sehr leistungs- und wettbewerbsfähig sei. Es darf aber die Frage gestellt werden, ob dieser Zustand wirklich auf eigenes Schaffen und eigenen Nachwuchs zurückzuführen ist oder ob wir diese Leistung nicht in erster Linie über den Beizug ausländischer Wissenschafter generieren, die wir offensichtlich gut auswählen, denen wir aber auch gute Arbeitsbedingungen bieten können.

Ein Beispiel: Der Europäische Forschungsrat, der European Research Council, hat im vergangenen Jahr 29 von 236 vergebenen Grants an Forscher in der Schweiz vergeben; fürwahr darf man hierauf stolz sein. Bei genauem Hinsehen konnte man jedoch feststellen, dass davon über drei Viertel an Ausländer in der Schweiz gingen. Wenn man diesen Zustand kritisch hinterfragt, so hat dies überhaupt nichts mit einer gegen Fremde gerichteten Haltung zu tun; da würde man mich völlig falsch interpretieren. Man sollte sich vielmehr die Frage stellen, wie aus einer guten Hochschule wiederum ein guter Nachwuchs hervorgehen soll. Dieser Nachwuchs sollte imstande sein, in angemessenem Mass die schweizerischen Hochschulen - ich sage bewusst nicht "hochschulintern" - wieder mit Nachwuchskräften und Nachwuchsprofessuren zu beschicken. Die auch von wissenschaftspolitischer Seite gestellte Frage geht dahin, wie Arbeits- und Karrierebedingungen für Wissenschafter an unseren Hochschulen geschaffen werden können, die sie gegenüber den ausländischen Bewerbern konkurrenzfähig machen.

Caspar Hirschi, SNF-Stipendiat an der ETH Zürich, hat in mehreren Beiträgen die Ursachen dieser typisch schweizerischen Zustände erläutert. Er spricht davon, dass unser Land seit dem 19. Jahrhundert ein Einwanderungsland für Akademiker sei, wobei Deutschland eine herausragende Rolle bezüglich der Herkunft der Einwanderer spiele. Dies begründe sich einerseits mit den Anstellungsbedingungen, sei aber auch sprachlich bedingt, mitunter ergebe sich das auch aus dem ähnlichen stark hierarchisch aufgebauten Hochschulsystem. Es komme hinzu, dass das deutsche universitäre wissenschaftliche Nachwuchssystem den Absprung in das sichere Nachbarland Schweiz fördere. In unserem Land kann man jedoch auf der Stufe des wissenschaftlichen Nachwuchses von Schweizerinnen und Schweizern einen Rückgang feststellen. Dieser zeigt sich am sinkenden Anteil bei den Doktoranden und Habilitanden. [PAGE 627]

Nun, was ist zu tun? Es stellt sich die Frage, inwieweit eine Strukturreform mit flacheren Hierarchien und mit einem breiteren Mittelbau anzustreben wäre, der von aufstrebenden Wissenschaftern belegt wird, eine Strukturreform, die die Entwicklung des Forschungsnachwuchses mit festen Stellen begünstigen würde. Es stellt sich die Frage der Arbeits- und Salärbedingungen, der familienunterstützenden Massnahmen, der Stipendien und der Forschungskredite, der individuellen Fördermöglichkeiten und/oder der Zweckmässigkeit der Projektförderung. Der Schweizerische Nationalfonds hat in seinem Mehrjahresprogramm 2012-2016 erfreulicherweise eine solche Strategie entwickelt und dafür auch entsprechende Mittel bereitgestellt. Fortschritte sind aber auch bei den Hochschulen und ihren Trägern nötig, sie müssen Anpassungen an die Hand nehmen. Wenn eine 2008 veröffentlichte Ländervergleichsstudie zur Folgerung kommt, in der Schweiz sei eine akademische Karriere besonders unsicher und nicht besonders attraktiv für Wissenschafter, die ein Interesse an berufsbiografischer Planbarkeit hätten, so lässt dies doch aufhorchen. Ich danke nun dem Bundesrat und der zuständigen Verwaltung, wenn sie sich dieser Thematik annehmen; die nächste BFI-Vorlage kann dafür ein geeigneter Ort sein.