Rytz Regula · Nationalrat · 2013-03-06
Rytz Regula · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2013-03-06
Wortprotokoll
Es gibt wohl wenige Themen, die uns so stark beschäftigen wie die Gesundheit. Die medizinischen Fortschritte der letzten Jahre haben unser Leben stark verändert und verlängert. Das Wissen über Gesundheit und Krankheit nimmt auf einem sehr hohen Niveau immer noch zu, parallel dazu wächst die Spezialisierung in Forschung und Medizin und im Gleichschritt dazu auch die Unübersichtlichkeit betreffend Diagnosen, Heilungsmethoden und Therapien. Davon zeugen auch die vielen Beratungsangebote, die wie Pilze aus dem Boden schiessen. Man kann sich heute auch per App über den aktuellen Gesundheitszustand beraten lassen. Die neuesten Werbungen versprechen sogar, dass ein Urintest-App für das i-Phone fünfundzwanzig Krankheiten erkennt; ich erspare Ihnen die weiteren Details.
Sehr viel schwieriger ist es in vielen Orten der Schweiz heute, einen guten Hausarzt oder eine gute Hausärztin zu finden. Die Initiative "Ja zur Hausarztmedizin" hat diesen Missstand aufgegriffen, ihn analysiert und sehr wertvolle und umfassende Vorschläge zur Stärkung der interdisziplinären Grundversorgung gemacht. Sie betreffen unter anderem die Qualitätssicherung in der Aus- und Weiterbildung, die Verstärkung der Forschung und die berufliche und finanzielle Besserstellung der Hausarztmedizin. Für diese wichtigen Vorschläge ist es höchste Zeit, eigentlich ist es schon fast zu spät. Wir haben die Zahlen heute schon mehrmals gehört: In wenigen Jahren werden bis zu 75 Prozent der heutigen Hausärztinnen und Hausärzte pensioniert sein. Nachfolgerinnen und Nachfolger sind nicht in Sicht.
Wir Grünen begrüssen deshalb sehr, dass endlich gehandelt wird, und dies gleich auf mehreren Ebenen: mit einer Volksinitiative, dem Gegenvorschlag, verschiedenen Vorstössen und einem Masterplan des Bundesrates.
Die unterschiedlichen Einschätzungen der Fraktionen haben aber gezeigt, dass der richtige Mix und das definitive Konzept noch nicht gefunden sind. Umso wichtiger ist es, dass Bund, Kantone und die Standesorganisationen nun nicht das Ende unserer Beratungen abwarten, sondern bereits anpacken, wo es möglich ist, z. B. durch die Aufstockung der Anzahl Ausbildungsplätze. Es kann doch nicht sein, dass ein Land wie die Schweiz sein Gesundheitspersonal immer mehr im Ausland ausbilden lässt und von einem inakzeptablen Braindrain profitiert!
Leider fehlt beim Bundesrat bisher der Wille zu Sofortmassnahmen in diesem Bereich. So lehnt er es zum Beispiel ab, ein von mir mit der Motion 12.3931 gefordertes Impulsprogramm für die Humanmedizin auszulösen und die stufenweise Erhöhung der Abschlusszahlen ab dem Jahr 2018/19 um mindestens 300 sicherzustellen. Dies würde gegenüber heute eine Erhöhung der Abschlusszahlen auf rund 1100 Ärztinnen und Ärzte pro Jahr bedeuten, welche dann nach der Weiterbildung ihre Spezialisierung aufnehmen könnten. Anderen Studien zufolge müssen in der Schweiz in diesem Zeithorizont sogar 1200 bis 1300 Mediziner pro Jahr ihr Studium abschliessen, um den zukünftigen Bedarf, insbesondere in der Grundversorgung, zu decken und gleichzeitig die Abhängigkeit von den ausgebildeten Arbeitskräften aus dem Ausland zu verringern.
Die Grünen sind deshalb sehr dankbar dafür, dass wir jetzt über diese Initiative "Ja zur Hausarztmedizin" diskutieren und sie unterstützen können. Wir fordern aber auch, dass parallel dazu sofort umgesetzt wird, was schon gemacht werden kann, insbesondere die Erhöhung der Anzahl Ausbildungsplätze.