Jenny This · Ständerat · 2001-10-04
Jenny This · Ständerat · Glarus · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2001-10-04
Wortprotokoll
Es ist alles gesagt worden, deshalb fasse ich mich ganz kurz. Wenn hier und in der Presse vor allem auf den Banken herumgeprügelt wird, so ist das natürlich zum grossen Teil auch ein Ablenkungsmanöver. Machen wir uns nichts vor: Das Management hat die Krise herbeigeführt. Wir dürfen ja nicht nur diese Woche betrachten, wir müssen uns fragen, wieso es überhaupt dazu gekommen ist. Das Management war verbrüdert und eingebunden in Parteien, Politik, Bund, Kantonen und war sekundiert von starken Gewerkschaften - das kann nicht gut gehen. Eine kollektive Verantwortung, das weiss Herr Bundesrat Villiger besser als ich, gibt es in einem Unternehmen nicht, und das war eben bei der Swissair genau vorhanden.
In dieser Situation ist nur ein Neuanfang möglich. Nicht in dieser Art, aber ein Neuanfang war vorgezeigt - sicher hätte es ein geordneter Neuanfang sein müssen. Mit dieser Vergangenheit ist eine Unternehmung nicht mehr zu führen. 15 Milliarden Franken Schulden, das kann man sich ja gar nicht vorstellen! Wie kann es überhaupt dazu kommen? Wo waren hier die gut dotierten und hoch gelobten Revisionsgesellschaften, wo war das Management und wo war letztlich der Verwaltungsratsausschuss?
Das ungeheuerliche Attentat vom 11. September war nur die Spitze des Eisberges und hat den Niedergang noch zusätzlich beschleunigt. Zu retten war diese Swissair jedoch schon lange nicht mehr, hingegen wäre mit Hilfe der Banken ein geordneter Rückzug möglich gewesen.
Grundsätzlich müssen wir uns im Klaren sein: Die Überkapazitäten im Luftverkehr sind derart gross, dass der Preiskampf schon lange mörderisch und ruinös ist. Mit diesen Kapazitäten war ein Überleben schlicht nicht mehr möglich. Zudem war das Unternehmen aufgeblasen und mit seiner Vorwärtsstrategie einem eigentlichen Grössenwahn verfallen. Wieso das in der Schweiz möglich war, ist mir als kleiner Unternehmer schlichtweg unerklärlich. Ein Abbau, ein grosser Abbau der Arbeitsplätze hätte so oder so stattfinden müssen. Die Frage war nur noch, wie dieser Arbeitsplatzabbau stattfinden würde.
Dass irgendjemand in einer solchen Situation zu den Gewinnern zählt, ist voraussehbar. Die restrukturierte Unternehmung wird Gewinne einfahren, massive Gewinne. Die Banken werden irgendwann zu den Gewinnern gehören, oder sie gehören es jetzt schon. Sie haben diese Unternehmen zu einem Spottpreis erstehen können. Jetzt sind halt diejenigen, die viel Geld kurzfristig zur Verfügung haben, im Vorteil. Wir buttern für einen Monat 450 Millionen Franken hinein, und die anderen können mit einer Milliarde eine ganze, stolze Unternehmung kaufen.
Dass die Grossbanken mit ihrer Politik diese Woche mit System auf dieses Szenario hingearbeitet haben, können Sie vergessen. Niemand gründet eine Auffanggesellschaft, damit im letzten Moment noch alles Image und alles Gute, das vorhanden ist, zerstört wird. Die Banker - wir können es drehen und wenden, wie wir wollen - sind auch Unternehmer, und sie haben grösstes Interesse, in der Auffanggesellschaft eine gute, eine gesunde Unternehmung weiterzuführen. Bewusst herbeigeführt haben sie das ganz sicher nicht. Da habe ich es mit Kollege Reimann: Nur einseitig den Banken die Schuld zuzuschieben, wäre falsch. Das Management hatte - das wurde auch schon gesagt - mit Akrobaten im Bereich Rechnungswesen sämtliche Bilanzen in der letzten Zeit beschönigt - sämtliche Bilanzen!
Wenn Kollege Schmid Carlo von einem Fehler gesprochen hat, dann ist das die Untertreibung dieses Tages. Die haben gar alles falsch gemacht, und von den heutigen Forderungen an die Politik halte ich nicht sehr viel. Wir haben von den Wirtschaftsvertretern schon viele Kapuzinerpredigten gehört, aber das Gleiche habe ich schon von Politikerinnen und Politikern gehört, und Sie selber sicher auch.
Glauben Sie ja nicht, es hätte unter dem Strich weniger gekostet, wenn sich der Staat viel früher eingeschaltet hätte. Unter dem Strich hätte es gleich viel gekostet. Nur wäre es dem Staat nicht möglich gewesen - dies wäre auch heute nicht möglich, wenn wir die Unternehmung übernehmen würden -, den Arbeitsplatzabbau herbeizuführen. Die Überkapazitäten würden bestehen; es wäre nicht möglich. Aber in der Luft besteht im Gegensatz zum Güterverkehr auf der Schiene ein Markt, und der wird auch in Zukunft bestehen. Darum wird die zukünftige Unternehmung - leider, leider mit vielen Leidtragenden - eine Zukunft haben.