Trede Aline · Nationalrat · 2015-03-05
Trede Aline · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2015-03-05
Wortprotokoll
Es geht bei dieser Motion um die Einführung eines kantonalen Vaterschaftsurlaubes; ich habe diesen Vorstoss von meinem früheren Fraktionschef Antonio Hodgers übernommen.
Wir diskutieren momentan ja viel über die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Politik. Ich denke, wir haben diese Frage schon immer viel diskutiert. Wir diskutieren auch über den [PAGE 154] Fachkräftemangel, welcher durch die Integration der Frauen verringert werden soll. Wir diskutieren über die Realität, der wir hier im Parlament hinterherhinken.
Es ist auch eine Realität, dass die Wahlfreiheit, von der wir immer das Gefühl haben, wir hätten sie, nicht wirklich besteht. Ich meine das im Zusammenhang mit den Familienmodellen. Viele dieser Vorstellungen scheitern auf dem harten Boden der Realität. Oft scheitern sie am Geld, an den fehlenden Kita-Plätzen, am Arbeitgeber bzw. an der Arbeitgeberin oder an der Flexibilität.
Am Anfang sieht ja immer alles gut aus. Jungen und Mädchen gehen in die Schule, nachher machen sie eine Lehre oder gehen ans Gymnasium, dann an die Uni oder an eine Fachhochschule. Die Abgängerinnen und Abgänger halten sich zahlenmässig die Waage, wir haben bei den Unis neu sogar mehr Abgängerinnen als Abgänger. Beide beginnen zu arbeiten; da sieht es auch noch ziemlich gut aus. Dann kommt ein Kind, und dann macht es "tägg"! Die Karrieren gehen auseinander. Plötzlich bleiben die Frauen länger zu Hause, das ganze Gleichgewicht verschiebt sich. Gutausgebildete Frauen gehen nicht mehr zurück ins Berufsleben.
Diese Entwicklung beginnt mit dem Mutterschaftsurlaub. Das Wort "Urlaub" ist an sich schon eine Frechheit. Aber die Frauen haben vierzehn Wochen Urlaub, und die Männer haben ein bis zwei Tage Urlaub - bei total modernen Verwaltungen und Firmen ist es eine Woche. Hier beginnt die Ungleichheit, und diese vergrössert sich immer mehr.
Unser früherer Fraktionschef Antonio Hodgers schlägt in seinem Vorstoss vor, dass der Bundesrat den Kantonen die Möglichkeit gibt, einen kantonalen Vaterschaftsurlaub einzuführen. Er definiert keine Anzahl Wochen, er sagt nur: Gebt ihnen die Möglichkeit dazu.
Der Bundesrat begründet die Ablehnung dieses Vorstosses mit der Erarbeitung seines Berichtes in Erfüllung des Postulates Fetz 11.3492, "Freiwillige Elternzeit und Familienvorsorge". Es ist gut, dass dieser Bericht gemacht wird, das ist alles okay. Der Punkt ist jedoch, dass aus einem Bericht keine weiteren politischen Aufträge resultieren. Wir müssen also hier drin sowieso entscheiden, ob wir dem Bundesrat einen weiteren politischen Auftrag geben oder nicht.
Der Vorstoss ist meines Erachtens sehr pragmatisch. Es ist an der Zeit, dass endlich auch der Vater oder, offener formuliert, der zweite Elternteil - für mich ist klar, dass das auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten muss - nach der Geburt Zeit mit dem Kind verbringen, eine Verbindung zu ihm aufbauen können und die Veränderung in der Familie mitbekommen soll, die ein Kind mit sich bringt. Es ist ja auch anstrengend, ein Kind zu haben. Vielleicht tut es auch gut, das einmal zu sehen.
Es ist bereits heute Realität, dass sich sehr viele Väter mehr Zeit nehmen als nur die ein, zwei Tage oder die Woche, die ihnen nach der Geburt zusteht. Der Punkt ist hier, dass es eben vom Einkommen abhängt. Gutverdienende Väter können es sich viel eher leisten, einen unbezahlten Urlaub oder Ferien zu nehmen, als Väter, die nicht so gut verdienen. Das ist eine sehr grosse Ungerechtigkeit, und es ist auch für die Chancengleichheit sehr schlecht.
Pro Juventute unterstützt diesen Vorstoss. Die Organisation hat sich dieses Geschäft für diese Session herausgepickt, um zu sagen: Ja bitte, unterstützt es. Auch für die Kinder ist es also ein guter Vorstoss.
Ich bitte Sie im Namen meiner Fraktion, diese pragmatische Lösung anzunehmen und es so den Kantonen zu ermöglichen, einen Vaterschaftsurlaub einzuführen, und zwar einen richtigen.