Guhl Bernhard · Nationalrat · 2015-03-04
Guhl Bernhard · Nationalrat · Aargau · Fraktion BD · 2015-03-04
Wortprotokoll
Gegen diese Initiative spricht erstens, dass das Schulwesen eine kantonale Hoheit ist. Der Bund hat den Kantonen grundsätzlich nicht in den Schulstoff dreinzureden. Verwässern wir unsere Aufgabenteilung nicht. Lassen wir auf Bundesebene, was auf Bundesebene gehört, und lassen wir auf Kantonsebene, was dorthin gehört. Nur weil in einem Kanton ein Unterrichtsmittel unglücklich betitelt wurde und gewisse konservative Politiker Mühe damit haben, müssen wir noch lange nicht die Bundesverfassung ändern. Wenn die Baselstädter in ihrem Schulrecht etwas ändern wollen, sollen sie es dort tun.
Gegen diese Initiative spricht zweitens, dass wir unsere Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen müssen. Wie aber soll man einem Kind erklären, was ein sexueller Missbrauch ist, wenn man das Kind nicht auch aufklären darf? Mit einer Annahme dieser Initiative würden wir die Präventionsarbeit massiv behindern. Das Ganze kann in einem ganz einfachen und kurzen Satz verdeutlicht werden - er wurde heute an diesem Rednerpult schon mehrfach erwähnt, aber ich erwähne ihn gerne noch einmal: Man sagt dem Kind: "Ich will dich vor sexuellem Missbrauch schützen, sage dir aber nicht, was das ist."
Gegen diese Initiative spricht drittens, dass sie die Realität total verkennt und missachtet. Über die neuen Medien sind jegliche Informationen über Sexualität jederzeit verfügbar, auch für die Kinder. Ich staune selbst, wie schnell sich kleinste Kinder auf einem i-Pad zurechtfinden und damit im Internet herumsurfen. Schon kleine Kinder sind früh mit Sexualität konfrontiert. Viele Kinder kommen bereits im Kindergartenalter und früher mit dem Thema in Berührung. Und dann haben sie Fragen, die sie der Kindergartenlehrperson stellen. Und diese soll dann sagen, dass sie solche Fragen nicht beantworten dürfe? Kann es das sein?
Es kommt hinzu, dass viele Eltern sich schwertun mit der Aufklärung der Kinder. Noch immer ist das in vielen Familien ein Tabuthema. Man lehrt die Kinder das Laufen, Velofahren, Schwimmen, Inlineskaten, Skifahren usw. Aber wenn es darum geht, den Kindern zu erklären, wie Kinder entstehen, [PAGE 112] dann schweigt man. Leider ist es so, dass viele Familien diese Aufklärungsarbeit an die Schule delegieren, obwohl es ganz klar Aufgabe der Eltern wäre, die Kinder aufzuklären. Die Aufklärung wird der Schule überlassen. Wenn wir nun aber der Schule verbieten, die Kinder aufzuklären, dann besteht ein grösseres Risiko eines Missbrauchs.
Ich fasse ganz kurz zusammen: Der Schulstoff ist Sache der Kantone und nicht des Bundes, er gehört nicht in die Bundesverfassung. Darum bitte ich Sie, diese Initiative deutlich zur Ablehnung zu empfehlen.