Kiener Nellen Margret · Nationalrat · 2015-03-04
Kiener Nellen Margret · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-03-04
Wortprotokoll
"Für unsere Kinder können wir kaum genug tun." Das ist ein Zitat, an das ich gerne erinnere, das Zitat eines Kinderpsychologen, nämlich von August Flammer, der an der Universität Bern gelehrt hat. Ich möchte den beiden Kommissionssprecherinnen danken. Sie haben die Fakten, Zahlen, Statistiken in eindrücklicher Weise präsentiert und so einen sehr sachlichen, kompetenten Rahmen um dieses schwierige, heikle Thema gelegt. Ich spreche hier, da schon vieles gesagt worden ist, speziell zum Thema Homosexualität als einem von vielen Bestandteilen des sexualkundlichen Unterrichts, wie er heute in vielen Kantonen erteilt wird.
Eine Lehrperson, die Homosexualität in der Schule behandelt, tut dies auf nichtdiskriminierende Weise, so fordert es das Diskriminierungsverbot in der Schweizer Bundesverfassung. Das Thema Homosexualität ist ein wichtiges. Viele [PAGE 111] Eltern von schwulen, lesbischen, bisexuellen, transsexuellen Kindern wissen das, es ist eigentlich seit Generationen so. Nur durfte früher nicht darüber gesprochen werden. Das betraf auch meine Generation. Es ist daher besonders bedeutsam, dass beim Thema "Homosexualität, sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentität" alle Schülerinnen und Schüler anwesend sein können. Es geht bei diesem Thema nicht nur darum, dass diejenigen vielleicht 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler anwesend sind, die in ihren Jugendjahren feststellen, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Es geht auch darum, dass die anderen vielleicht 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler, welche sich eher zur stereotypen Norm der Geschlechter hingezogen fühlen, keinen Anlass haben, sich diskriminierend zu äussern oder zu verhalten gegenüber Minderheiten, die eine andere sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität aufweisen.
Das ist meine Kritik als Co-Präsidentin der SP-Fachkommission für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität: Diese Initiative möchte den heute gut etablierten Sexualkundeunterricht zur freiwilligen Nebensache degradieren, an der Schülerinnen und Schüler noch nach Lust und Laune teilnehmen oder der sie fernbleiben können. Dabei wurden laut einer Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai, die Anfang 2013 in der Schweiz präsentiert wurde, Suizidversuche bei jungen homosexuellen Männern bis zu fünfmal häufiger festgestellt als bei heterosexuellen Jugendlichen. Eine Vertiefungsstudie über die psychische Gesundheit von homosexuellen Männern gibt Hinweise über die Ursache: So beklagten über 20 Prozent der Befragten, die unter einer Depression litten, dass sie sich nicht akzeptiert fühlen würden. Über 33 Prozent dieser 373 depressiven Männer gaben an, diskriminiert zu werden.
Wir wollen unseren Kindern und Jugendlichen eine Gesellschaft und eine Welt eröffnen, in der sie akzeptiert und nicht diskriminiert werden. Wir wollen ihnen einen kompetenten sexualpädagogischen Unterricht zukommen lassen, und zwar allen.
Ich bitte Sie daher, diese Initiative abzulehnen.