Trede Aline · Nationalrat · 2015-03-04
Trede Aline · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2015-03-04
Wortprotokoll
Bereits der Titel der Volksinitiative lässt mir einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Bereits der Titel beinhaltet eigentlich eine sehr grosse Unwahrheit. Erstens wird kein einziges Kind im Kindergarten sexualisiert. Schon das ist einfach eine Wahnvorstellung. Dass das im Titel dieser Initiative steht, sagt bereits sehr viel aus. Es geht auch nicht um Sexanleitungen, wie es Kollege Müri in seinem Votum ausgeführt hat. Es geht hier um eine stufengerechte Aufklärung.
Zweitens ist der Inhalt dieser Initiative sehr gefährlich, unmodern und nicht seriös. Mit dieser Initiative fallen wir nämlich zurück ins Mittelalter. Die Generation meiner Grosseltern war nicht aufgeklärt. Die Frauen wurden bereits mit 19, 18, 17 Jahren oder noch früher schwanger, weil sie nicht wussten, dass man Kinder kriegt, wenn man Sex hat. Ich denke nicht, dass wir heute noch einmal in dieses Mittelalter zurückfallen möchten. Denn ungewollte Schwangerschaften sollen heute einfach nicht mehr zur Tagesordnung gehören.
Die Initiative will in der Verfassung festhalten, dass Aufklärung Sache der Eltern ist. Herr Portmann hat Ihnen, glaube ich, schon genug detailliert erklärt, dass das ein Novum wäre. Es ist aber auch nicht so, dass das nur Sache der Eltern ist. Dieses Thema gehört eben auch in die Schule, es gehört auch in die Gesellschaft. Wir haben in unserer heutigen offenen Gesellschaft immer noch ein grosses Problem damit, einen natürlichen Umgang mit dem Thema Sexualität zu pflegen. Das sehen wir daran, dass wir hier drin überhaupt über eine solche Initiative diskutieren müssen. Das ist wirklich die Frechheit an sich. Nebenbei angemerkt gehört diese Formulierung, dass Aufklärung Sache der Eltern ist, überhaupt nicht in die Bundesverfassung, ob es jetzt um freiwilligen oder nichtfreiwilligen Sexualkundeunterricht geht. Aber auch hierzu hat Herr Portmann detaillierte Ausführungen gemacht.
Die Initiative ist gefährlich, weil sie die Prävention gegen sexuelle Übergriffe hindert. Kinder und Jugendliche müssen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Sie müssen wissen, was ihre Rechte sind, und sie müssen sich wehren können, wenn Übergriffe passieren. Mit dieser Initiative wird das Sprechen darüber weiterhin tabuisiert. Und wir müssen darüber sprechen! Es ist eine fatale Entwicklung, wenn Kinder sich nicht wehren können, wenn sie nicht Nein sagen und es nicht zu Hause oder eben der Lehrerin oder dem Lehrer erzählen, wenn etwas passiert ist. Es erstaunt mich, dass diese Initiative aus jener Ecke kommt, welche sich bei der Pädophilen-Initiative als die grosse Bekämpferin der Pädophilie hervorgetan hat. Diese Initiative macht genau das Gegenteil: Sie unterstützt die Pädophilie. Ich will hier jetzt nicht über das Komitee diskutieren, welches mittlerweile ausgewechselt wurde.
Herr Frehner ist erstaunlicherweise nicht im Saal. Vielleicht hat er gemerkt, dass das nicht das richtige Wahlkampfthema ist. Ein Journalist fragt ihn in der heutigen Ausgabe von "20 Minuten" in Zusammenhang mit dem Fall, in dem minderjährige Mädchen von ihren eigenen Freunden zu Sex mit anderen Freunden gezwungen wurden, ob denn Prävention in diesem Fall nicht wichtig gewesen wäre. Herr Frehner sagt: "Doch, ganz genau. Deshalb fordert die Initiative ja auch Präventionsunterricht schon ab dem Kindergarten, doch dafür braucht es keine Plüschvaginen." Also, Herr Frehner, was ist Ihr Problem? Plüsch? Haben Sie eine Plüschallergie? Wollen Sie wirklich hier drin eine Volksabstimmung herbeiführen, um Plüschvaginen zu verbieten? Also, das ist wirklich absurd!
Der Sexualkundeunterricht gehört in die Schule wie Mathematik und Deutsch. Es geht um Aufklärung bezüglich Krankheiten, auch bezüglich Aids und anderer Geschlechtskrankheiten. Es geht um die Gesundheit und vor allem auch um die sexuelle Gesundheit jedes und jeder Einzelnen. Kinder können heute bereits sehr früh mit sexuellen Inhalten in Kontakt kommen, sei es im Internet oder draussen auf der Strasse, wo Plakate hängen. Es ist deshalb wichtig, dass sie einschätzen können, was wohin gehört; dass sie gestärkt werden und aufgeklärt sind; dass sie verstehen können, ob das, was sie sehen, gut ist; dass sie melden, wenn etwas zu weit geht; dass sie jegliche Themen richtig einordnen können. Wichtig ist die Stärkung der Kinder, nicht das Zurückhalten von Information, dass die Macht woanders bleibt und nicht zum Kind geht.
Aufklärung gehört ins Elternhaus, okay, aber genauso in die Schule, in die Öffentlichkeit und in die Gesellschaft. Ich vertraue darauf, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer stufengerechte Sexualkunde anbieten und so den Kindern den richtigen Background vermitteln.
Die Grünen sagen ganz klar Nein zu dieser Initiative. Es braucht Prävention, selbstbewusste Kinder und Jugendliche und eine Gesellschaft, in der sexuelle Übergriffe keinen Platz haben.