Kessler Margrit · Nationalrat · 2014-12-09
Kessler Margrit · Nationalrat · St. Gallen · Grünliberale Fraktion · 2014-12-09
Wortprotokoll
Wären wir nie in die Atomstromproduktion eingestiegen, müssten wir heute nicht über den Ausstieg debattieren. Es ist schon erstaunlich, dass erst 47 Jahre nach der Kernschmelze im Versuchsreaktor in Lucens über den Atomausstieg diskutiert wird.
Diesen Oktober besuchte ich die Region Fukushima; ich wollte mir selber ein Bild machen, wie es der Bevölkerung dort geht, wie sie nach dreieinhalb Jahren mit den Auswirkungen der Atomkatastrophe und der radioaktiven Kontamination zurechtkommt. Für die Schulkinder in der Region Fukushima wurde die Jahresbelastung durch radioaktive Strahlung nach der Reaktorhavarie auf 20 Millisievert erhöht und als unbedenklich eingestuft. Das ist 20-mal so hoch wie in der Schweiz und entspricht der Dosis einer Ganzkörper-Computertomografie. Um die radioaktive Strahlung zu reduzieren, ist angeordnet worden, dass die Kinder nicht im Freien spielen dürfen. Die Sandkästen wurden in die Turnhallen verlegt. Die Bäume haben die Radioaktivität aufgenommen und geben sie in grossen Mengen in die Atmosphäre ab und bei der Entwässerung in den Boden zurück - ein Circulus vitiosus. Die kontaminierten Wälder sind zum Problem für Menschen geworden. In bestimmte Gebiete können die Menschen erst nach Jahrzehnten - wenn überhaupt - zurück. Im havarierten Atomkraftwerk arbeiten täglich 5000 bis 6000 Arbeiter unter der radioaktiven Strahlung und schwierigen Arbeitsbedingungen. Das Grundwasser sollte geschützt werden, mit Massnahmen wie Lagertanks, Drainagen und unterirdischen Eisschranken. Die Wirksamkeit ist unklar. Die Arbeiten stecken fest. Das bedeutet praktisch, dass sich Grundwasser mit dem kontaminierten Wasser mischt und ins Meer fliesst.
Aus diesem Unglück sollten wir lernen, dass die Natur stärker ist als die menschliche Technik. Unser Ziel muss es sein, diese gefährliche Technik so schnell wie möglich zu verlassen. Wir wissen auch heute noch nicht, wohin mit den hochradioaktiven Abfällen, wie sie entsorgt werden sollen. Je schneller wir aussteigen, desto weniger Abfälle sammeln sich an, die von unseren Kindern und den nächsten Generationen gehütet und überwacht werden müssen.
Ich werde der Atomausstiegs-Initiative zustimmen: Sie ist für die Energiewende ein Pfand in der Hand und fördert die erneuerbaren Energien. Für unsere Kinder und Enkel hoffe ich, dass auch viele von Ihnen dieser Initiative zustimmen werden.