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Gilli Yvonne · Nationalrat · 2014-12-09

Gilli Yvonne · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2014-12-09

Wortprotokoll

Vor einem Jahr besuchte ich mit einigen Kolleginnen von verschiedenen Parteien aus diesem Saal unter dem Patronat von Green Cross Fukushima. Natürlich ist das Risiko, dass wir in der Schweiz einen schweren Reaktorunfall erleiden, sehr klein. Natürlich wird im Fall eines solchen Worst-Case-Szenarios der Unfall anders sein als derjenige in Tschernobyl und anders als derjenige in Fukushima. Was den Unfällen aber gemeinsam wäre, wäre das Ausmass der Katastrophe.

Für die Schweiz als kleines und dichtbesiedeltes Land hiesse das, dass es die Schweiz von heute nicht mehr geben würde. 45 Millionen Kubikmeter verstrahlte Erde; einige Hunderttausend Menschen können ihren Boden zu Lebzeiten nie mehr kultivieren; 10 Millionen Menschen, welche erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt waren oder sind; Städte in einem 80-Kilometer-Radius um den Reaktor, die schwer verstrahlt wurden und über Jahre regelmässig dekontaminiert werden müssen; Kinder, die auch mehrere Jahre nach dem Reaktorunglück nicht draussen spielen dürfen. Sie können diese Dimension einer Katastrophe selber auf die Grössenverhältnisse der Schweiz umrechnen: 90 000 Menschen müssen sofort evakuiert werden; über 150 000 Menschen müssen für immer umgesiedelt werden; auf einem Viertel der Fläche der Schweiz ist die Nahrungsmittelkette verseucht, aus ihr kann mindestens für ein Jahr nichts mehr konsumiert werden; Jodtabletten und Evakuierungspläne sind neben den unmittelbaren Sanierungsmassnahmen vor Ort die einzige Therapie, die zur Bewältigung eines Reaktorunfalls zur Verfügung steht.

Das ist viel zu wenig. Wenn etwas nach der Atomkatastrophe in Fukushima klar ist, dann die Tatsache, dass wir in der Schweiz einer schweren Reaktorkatastrophe nicht gewachsen wären und dass es mit der Reaktorsicherheit in der Schweiz nicht zum Besten steht. Ein Flugzeugabsturz, geschähe er akzidentell oder als Folge eines Terroranschlages, würde genügen, um eine Katastrophe auszulösen.

Die Grünen lehnen die Verantwortung dafür ab. Mit unserer Verantwortung ist es nicht vereinbar, AKW ohne befristete Laufzeiten weiterzubetreiben. Seien wir ehrlich: Eigentlich [PAGE 2240] ist unsere Initiative verantwortungslos, denn sie erlaubt eine Betriebsdauer von 45 Jahren.

Jedes Betriebsjahr ist ein Jahr mit laufendem Restrisiko. Ein Restrisiko ist kein Zufall, ein Restrisiko ist das Resultat einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wenn Sie den Betrieb der heute laufenden AKW global betrachten, dann wissen Sie, dass Reaktorunfälle regelmässig, eben gemäss dem statistischen Risiko, eintreten - wir wissen einfach nicht wann, wo und unter welchen Umständen.

Die Schweiz hat die Möglichkeit, aus der Kernenergie auszusteigen. Es braucht jetzt einzig den politischen Willen. Die Grünen haben ihn und laden Sie ein zu handeln. Aus der bisherigen Erfahrung mit Reaktorkatastrophen wissen wir eines: Die Mutigen sind diejenigen, die das Ausmass eines kleinen Restrisikos in Kauf nehmen. Für den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen braucht es verhältnismässig wenig Mut. Dieser Schritt ist uns allen zuzumuten.