Badran Jacqueline · Nationalrat · 2015-09-17
Badran Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-09-17
Wortprotokoll
Ich wiederhole: Mit Essen spielt man nicht. Aber das Spiel mit dem Essen ereignet sich doch tagtäglich, stündlich, sekündlich. Dieses Spiel auf den Finanzmärkten produziert aber nicht freudig lachende Kinder, wie Spiele es tun sollten, sondern Hunger. Das ist ein nichthinnehmbarer Dauerskandal.
Wir erinnern uns: 2008 sind die Preise für Grundnahrungsmittel explodiert. Wir wissen, dass es dafür verschiedene Gründe gibt. Nicht eine linke Organisation, sondern die Weltbank sagt, dass an der Preisexplosion von 2008 zu 30 Prozent die Spekulation mit Derivaten die Schuld trägt, die übrigens 100 Millionen Menschen mehr in den Hunger getrieben hat. Heute sind die Preisschwankungen auf diesen Märkten innerhalb einer Woche gleich gross wie früher im Laufe mehrerer Jahre.
Kennen Sie Chocfinger? Wenn nicht, dann sollten Sie etwas dagegen tun. Über Chocfinger sollte man eigentlich einen Thriller drehen. Chocfinger - so nennen ihn die Insider der Rohstoffhandelsbranche. Das Wort ist eine Mischung aus "Schokolade" und "Langfinger". Chocfinger ist ein Hedgefonds-Manager. 2011 kaufte er auf dem Markt riesige Mengen von Kakao physisch auf und entzog sie somit dem Angebot. Parallel dazu, oh Wunder, setzte er auf steigende Preise. Wow, was für ein Rocket-Science-Businessmodell! Komischerweise sind die Preise tatsächlich gestiegen, weil er die Ware dem Angebot entzog. Er hat damit Millionen verdient.
Die Kakaopreise sind um 30 Prozent gestiegen. Produzenten wie Nestlé und Barry Callebaut haben den gestiegenen Kakaopreis auf ihre Produkte geschlagen. Fortan haben alle Schokoladekonsumenten auf der Welt für Snickers, Toblerone und Mars halt 30 Prozent mehr bezahlt. Interessanterweise hat der Markt das akzeptiert. Die Konsumentenpreise sind bis heute hoch geblieben. Die Gewinner: Chocfinger und Nestlé. Die Verlierer: Milliarden von Schokoladekonsumenten auf der Welt. Das ist Umverteilung von Milliarden von Leuten zu ganz wenigen Akteuren. Es ist Umverteilung von unten nach oben, wie sie im Bilderbuch steht.
In der Folge dieses von Chocfinger ausgelösten Preisschocks hat man gesagt, einer alleine solle die Preise nicht manipulieren können, und hat Positionslimiten eingeführt. Wir wissen, dass Preise, Libor, Währungen und Aktienkurse manipuliert werden, so auch die Nahrungsmittelpreise.
Jetzt werden Sie erstens argumentieren, mit den Positionslimiten, die international allmählich eingeführt werden und eventuell auch in der Schweiz kommen, habe man ja etwas getan. Zweitens werden Sie argumentieren, dass es die Spekulation an den Terminmärkten brauche, weil es den Markt liquider mache usw.
Bei beidem haben Sie Recht, wenn Sie so argumentieren. Trotzdem frage ich Sie: Wie haben dann die Rohstoffmärkte vor dieser Explosion des spekulativen Anteils funktioniert? Hatten wir damals keinen Weizen, keinen Kaffee? Doch, wir hatten das, bevor all diese marktfremden Teilnehmer an diesen Märkten teilgenommen haben.
Zwischen 2000 und 2008 hat sich das gehandelte Volumen an Nahrungsmittelderivaten verachtfacht. Das ist gigantisch! Seit 2008 hat sich das Volumen nochmals verdoppelt. Nun wollen uns die Rohstoffhändler weismachen, sie seien auf die Derivatgeschäfte angewiesen, wie wenn das ein Naturgesetz wäre. Wer profitiert davon? Wir sehen es - der Chocfinger-Fall hat uns das gezeigt -: Spekulanten, Hedgefonds-Manager, die über eine Milliarde Konsumenten refinanziert sind. Das Absicherungsgeschäft gegen fallende Preise der Produzenten und gegen steigende Preise der Industrie kann man auch auf dem Weg des Direktkontraktes lösen. Wir brauchen die Derivatmärkte nicht. Barry Callebaut, Coop, Migros usw. haben das längst entdeckt. Viel zu teuer sind die Absicherungsgeschäfte via Derivate; zu wichtig ist der Direktkontrakt für beide Seiten, für die Abnehmer und die Produzenten wie auch für die Hunderten von Millionen Hungernden auf dieser Welt.
Diesen Monat vor 42 Jahren brachte Fairtrade-Pionierin Ursula Brunner die ersten Bananen direkt von den Bauern aus Nicaragua in die Schweiz. Ältere unter uns erinnern sich an die sogenannte Nica-Banane. Fairtrade heisst angemessene Preise für Produzenten und Konsumenten, direkt und fair, unter Ausschaltung dieses gigantischen Spekulations-Overheads, unter Ausschaltung dieses Zwischen-Zwischenhandels und dieser grotesken Absicherungsgeschäfte. Faire und direkte Kontrakte zwischen Produzenten und Abnehmern - das ist die Lösung, diesen Weg müssen wir gehen. Diese Initiative trägt eben dazu bei, dass man von all diesen Absicherungsgeschäften auf Direktkontrakte umstellt. Das wird die Zukunft sein.
Deshalb empfehle ich diese Initiative zur Annahme, denn ich erinnere daran: Mit Essen spielt man nicht.