Hösli Werner · Ständerat · 2016-03-09
Hösli Werner · Ständerat · Glarus · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2016-03-09
Wortprotokoll
Kollege Rieder hat jetzt die Sache relativ breit dargelegt. Ich möchte nun das Thema nicht auch noch einmal in aller Breite angehen. Es ist aber, glaube ich, klar, dass die Motion Fournier den Bundesrat und die Verwaltung längst beauftragt hat, in dieser Sache aktiv zu werden - was nicht geschehen ist. Ich finde das inakzeptabel, das muss ich ehrlich sagen.
Ich will Ihnen noch kurz zu erklären versuchen, warum es für mich in dieser Sache Handlungsbedarf gibt und warum er auch wirklich besteht. Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Es gibt in Ihrem Haus Mäuse, die Ihnen die Lebensmittel in den Kästen und im Keller an- und wegfressen. Ich garantiere Ihnen, dass Sie alles unternehmen werden, um diese Tiere loszuwerden. Entweder verwenden Sie Mäusegift oder Klappfallen, oder Sie beschaffen sich eine Katze, aber nicht eine Katze, die den Käse beschützt, sondern eine Katze, die die Maus frisst. Wenn die Katze nämlich den Käse nur beschützt, wird die Maus an die anderen Lebensmittel gehen, und Sie werden das Problem nicht los. Wenn Sie diese Mitbenutzer loswerden wollen, müssen Sie aktiv werden, und zwar egal, wann und wie und wo. Und nur als Nebenbemerkung gesagt: Die Maus ist auch ein Säugetier.
In dieser Situation befinden wir uns in den vom Wolf besiedelten Berggebieten. Es geht da aber nicht nur um Käse oder um ein aufgebissenes Paket Teigwaren. Ich will Ihnen ein Beispiel aus unserem Kanton geben: Auf einer unserer Alpen sind in einer witterungsbedingt völlig ruhigen Nacht Rinder an drei ganz verschiedenen Stellen durch Zäune gebrochen, und acht von ihnen sind - ebenfalls an unterschiedlichen Orten - zu Tode gestürzt. Das ist absolut aussergewöhnlich. Personen, welche in der Gegend waren, haben nachher ausgesagt, dass sie an diesem frühen Morgen einen Wolf gesichtet hätten. Wir sprechen hier bei den abgestürzten oder zu Tode getriebenen Tieren schnell einmal von einem Wert von gegen 20 000 Franken, der diesen Landwirten vernichtet wurde.
Als Antwort auf einen solchen Fall blüht nun die Fantasie der Theoretikerinnen und Theoretiker: Man solle Herdenschutz betreiben, es gehe um fehlenden Herdenschutz. Dazu muss ich sagen: Die waren noch nie einen Sommer lang auf einer Alp, die haben keine Ahnung von Alpwirtschaft. Da weiden, zum Teil auf mehreren Quadratkilometern, 200 Kühe oder Rinder - in unwegsamem und unübersichtlichem Gelände, verteilt auf schnell einmal 500 Meter Höhendifferenz, und das logischerweise auch nachts. Die Stellen, an denen die Tiere abstürzen können, sind mit Zäunen abgesichert. Wie wollen Sie da Herdenschutz gegen einen oder mehrere Wölfe betreiben, ohne unbezahlbare Kosten in absurder Höhe zu generieren?
Und mit Einzelabschussbewilligungen ist dem Problem nicht beizukommen; ich glaube, das hat Kollege Rieder klar dargelegt. Es wird ja auch, wenn nur ein einziger Wolf zum Abschuss freigegeben wird, sofort die Ausrottungshysterie oder die Ausrottungsmaschinerie angeheizt. Wie oft habe ich das schon gehört oder gelesen, die Jagdbarmachung sei mit der Ausrottung gleichzusetzen. Das ist jetzt wirklich völlig danebengegriffen! Jagdbarmachen heisst Bestände regulieren, nicht ausrotten. Ich bin Jäger. Jedes Jahr schiessen wir Hirsche, Gämsen, Rehe und vieles mehr. Keine dieser Tierarten wird deshalb ausgerottet.
Nur weil ein Tier bejagt wird oder bejagt werden kann, rottet man es doch nicht aus! Aber es findet eine Interessenabwägung statt: Wie viele Tiere einer Gattung haben überhaupt genügend Lebensraum, um sich gut entwickeln zu können, ohne dass die Schäden in Forst- und Landwirtschaft und generell für die dort lebende Bevölkerung zu gross werden? Da dürfen wir zum Teil sogar Hirschkühe als Muttertiere abschiessen. Ich habe in der Öffentlichkeit deswegen noch nie einen grossen Aufschrei gehört. Wenn aber ein Schadenwolf zum Abschuss freigegeben wird, dann beginnt die Hysterie. Und warum?
Der Wolf und die Ansiedlung von Grossraubtieren ist ein Markt mit öffentlichen Geldern geworden. Es ist ein Markt für Studien, Konzepte, Projekte und Managementabhandlungen aller Art. Da wird auf Staatskosten untersucht, wie sich ein Wolfsrudel verhält, wenn ein Jungtier abgeschossen wird. Um das zu wissen, müssen Sie nur die Literatur nachlesen und ein paar Gespräche mit den Praktikern führen - dann kennen Sie die Verhaltensweise dieser Tiere. Das muss man nicht herausfinden, das ist alles schon da.
Es gibt auch Nachbarländer, die sich mit dieser Problematik befassen. Auch da kann man nachfragen, das ist auch möglich. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass das dem Staat zu einfach ist. Denn die Wolfsansiedlung ist längst zu einem Tummelfeld für Monitoring und Regulierung geworden, und - ich werde einfach diesen Eindruck nicht los - sie soll auch die Notwendigkeit des Ausbaus der Verwaltung beweisen. Da meine ich, dass wir diese Weichenstellung wirklich anders vornehmen sollten. [PAGE 142]
Wenn wir noch ein Wort zur Verhältnismässigkeit verlieren wollen, wovon auch viel gesprochen wird, ist Folgendes zu sagen: Es sei nicht verhältnismässig, heisst es, wenn wir die Berner Konvention wegen ein paar Rissen kündigen würden. Ich habe versucht, Ihnen darzulegen, um wie viel es für die einzelnen Landwirte und für die vom Wolf besiedelten Gebiete geht. Ich bin überzeugt: Dieses Thema ist ein Paradebeispiel dafür, dass Regieren auch Vorausschauen heissen sollte. Wenn die Ausbreitung des Wolfes dazu führt, dass unsere alpinen Gebiete nicht mehr bewirtschaftet werden und unsere Berggebiete einen weiteren Abwanderungsschub erleben - nicht zuletzt darum, weil sich die Kinder nicht mehr alleine auf den Schulweg getrauen -, dann haben wir nicht nur sehr unverhältnismässig, sondern staatspolitisch naiv gehandelt.
Machen wir mit der Annahme dieser Motion den Weg frei, um bereit zu sein, je nach Situation flexibel handeln zu können. Allein darum geht es. Wer etwas anderes behauptet, sagt nicht die Wahrheit. "Jagdbar" heisst nicht, ein Tier jagen zu müssen, sondern es jagen zu können, je nach Einschätzung der Gesamtsituation. Das ist regierungswürdiges Vorausschauen und regierungswürdiges Handeln.