Hess Lorenz · Nationalrat · 2016-04-26
Hess Lorenz · Nationalrat · Bern · Fraktion BD · 2016-04-26
Wortprotokoll
Da wir uns heute mit dem Elend der Verdingkinder auseinandersetzen und uns die Frage stellen, ob es eine Wiedergutmachung braucht oder nicht, zitiere ich an dieser Stelle den Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf. Denn Gotthelf, der im Berner Emmental lebte und wirkte, schildert in seinem Roman "Bauernspiegel" detailliert all die Grausamkeiten, welche die Verdingkinder hierzulande erleben mussten: "Es war fast wie an einem Markttag. Man ging herum, betrachtete die Kinder von oben bis unten, die weinend oder verblüfft dastanden, betrachtete ihre Bündelchen und öffnete sie wohl auch und betastete die Kleidchen Stück für Stück, fragte nach, pries an, gerade wie an einem Markt."
Auf unseren Schweizer Dorfplätzen wurden Kinder versteigert, nicht nur zu Gotthelfs Zeiten, sondern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Viele Hundert Opfer des Verdingkinderwesens leben heute noch unter uns. Einige kenne ich persönlich. Sie haben mir berichtet und Zeugnis abgelegt, wie sie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und misshandelt wurden, wie sie in den Schweineställen schlafen mussten, wie man sie gesundheitlich geschädigt hat und wie ihre sexuelle Integrität verletzt wurde.
Für mich ist klar: Es gibt keine Alternative, es gilt jetzt, dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten. Gerade als Berner, der seinen Kanton über alles liebt, weiss ich, dass wir Politiker eine Verantwortung haben, diesen Opfern endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich betone dabei, dass es den Verdingkindern auf vielen Bauernhöfen gutging. In schwierigen Zeiten hat man sich bestmöglich um sie gekümmert. Doch wir können heute auch sagen, dass die schutzlosen Verdingkinder auf manchen Höfen misshandelt und missbraucht wurden. Dabei haben die Behörden, die Kirche und die Gemeinschaft als Ganzes weggesehen, nicht eingegriffen, die Kinder ihrem Schicksal überlassen.
Dass heute der Bauernverband ganz offiziell die Wiedergutmachung unterstützt, konkret die Ja-Parole zum Gegenvorschlag des Bundesrates herausgegeben hat, zeugt vor diesem Hintergrund von Grösse und Weitsicht. Es ist ein Zeichen der Stärke, dass man sich der Vergangenheit stellt. Ich stimme daher, gemeinsam mit den wohl meisten Bauern hier im Parlament und allen anderen progressiven Kräften, aus Überzeugung für die Wiedergutmachung. Ich möchte, dass Gotthelfs Literatur durch eine Geschichtsschreibung ergänzt wird, die besagt: Die Schweiz hat ihre Geschichte umfassend aufgearbeitet; 2016 wurde das grosse Unrecht, das die Verdingkinder und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen erleiden mussten, anerkannt.
Wir sind kurz davor, die Geschichte so zu schreiben. Wir müssen dazu nur Ja stimmen.