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leer · 2002-03-22

leer · 2002-03-22

Wortprotokoll

Herzog Jacques, Architekt, Basel: Ich freue mich, Ihnen einige Bilder und Karten der Schweiz zu zeigen, die man als urbane Szenarien lesen kann. Es sind Bilder der Gegenwart, wie sie sich heute präsentiert und wie sie sich in der Zukunft möglicherweise darstellen könnte. Die Bilder sind nur ein winziger Teil einer dreijährigen Untersuchung, die ich zusammen mit anderen Professoren der ETH und Studenten an unserem neu gegründeten ETH-Studio in Basel durchführe. Die Resultate dieser Studie werden in ein, zwei Jahren in Buchform erscheinen, auch auf CD. Teile, Ausschnitte davon werden in den nächsten Wochen in der "NZZ am Sonntag" und auch in der "Weltwoche" gezeigt werden.

Leider brauche ich, um unsere Ideen zu erklären, immer Bilder, die in diesem Raum natürlich nur in Form von Projektionen gezeigt werden können. Nachdem Urs Staub vorhin gesagt hat, das Bundeshaus sei ein Theater, und nachdem er die Nähe von Theater und Politik hervorgehoben hat, kann ich Ihnen zu Ihrem Trost aus meiner Sicht sagen: Das ganze Haus ist noch weit weg von einem "showroom" entfernt. Denn dazu würde gehören, dass man diesen Raum ganz verdunkeln und ihn in eine Art "Disco" verwandeln könnte, wo wirklich eine Projektion möglich wäre. Ich hätte mir tatsächlich gewünscht, statt das Bild nur auf der - von mir aus gesehen - rechten Seite des Saals auf einer Leinwand zu zeigen, es frontal hier auf dieses Bild zu projizieren, auch als Zeichen dafür, wie zukünftige Szenarien immer auf alten, bestehenden aufbauen und dass es nicht um irgendeine Tabula-rasa-Vision oder sonst einen Versuch geht, die Schweiz völlig neu zu erfinden, sondern darum, quasi aus den Gegebenheiten heraus etwas neu zu entwickeln und neu zu denken.

Das erste Bild zeigt die Ihnen wohl vertraute "blaue Banane" und die Eigenwahrnehmung der Schweiz als eine eigene "Banane" sozusagen, die sich eher in Ost-West-Richtung statt in der in Mitteleuropa vorgegebenen Nord-Süd-Richtung entwickelt.

Das nächste Bild: Ein Satellitenbild von Europa mit grell leuchtenden gelben Flecken. Das sind die Siedlungsklumpen, die urbanen Megazentren, in Europa. Man sieht vor allem einen unglaublichen Schwerpunkt im Ruhrgebiet, in den Niederlanden und in den übrigen Beneluxländern; das sind die dichtest besiedelten Gebiete Europas. Man sieht auch, wie sich die "Banane" über die Schweiz hinweg bis in die Po-Ebene hinein verlängert.

Trotz der Realität dieser zusammenhängenden, sich eben fast in Bananenform entwickelnden Urbanität nimmt sich die Schweiz selbst ganz anders wahr. In den meisten derartigen Szenarien ist die Schweiz meist als Insel quasi ausgespart - in einer Umgebung, die sich mehr und mehr zusammenfindet.

Das nächste Bild zeigt die Umrisse der Uno-Staaten, allerdings vor der Abstimmung vom vergangenen 3. März. Ich zeige es Ihnen nur, damit Sie sehen, dass die Schweiz beinahe wie das Schwarze Meer dargestellt ist. (Heiterkeit)

Die Eigenwahrnehmung der Schweiz ist demgegenüber immer quasi das Auffüllen dieses Lochs. Die Schweiz nimmt sich als grüne Insel wahr, ganz ähnlich wie auf dem Wandbild von Giron, als eine Art unberührte Landschaft. Das ist eigentlich nach wie vor die Eigenwahrnehmung der [PAGE 488] Schweiz: Es ist fast kein Haus und fast kein Mensch zu sehen. Man muss doch sagen, dass die Wirklichkeit unterdessen - wie wir auch sehen werden - krass davon abweicht.

Inzwischen hat die Schweiz bezüglich Kantonen, Kulturen, Sprachen einen hohen Grad von Differenziertheit erreicht. Das nächste Bild zeigt die Sprachzonen; mittlerweile weiss man ja, dass von einer grossen Anzahl Menschen in der Schweiz auch ganz andere Sprachen als Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen werden.

Auf dem nächsten Bild ist demgegenüber aber eine andere Tendenz erkennbar: Man sieht, dass sich das Mittelland immer stärker auffüllt - das Flachland im Allgemeinen, besonders aber das Mittelland -, weil die Schweiz in dieser Ost-West-Wahrnehmung eigentlich wie fixiert scheint. Im Mittelland breitet sich - fast wie der Nebel - eine Art Siedlungsbrei aus.

Auf dem nächsten Bild eigentlich wiederum diese Urbanisierung: Mit zunehmender Bevölkerungsdichte breitet sich eben dieses Breiartige, dieses Undifferenzierte der Urbanisierung, aus. Man sieht, dass in Europa die Ost-West-Metropole nicht allein steht, sondern von grossräumigen metropolitanen Regionen umgeben ist: die Po-Ebene - also die Region von Mailand notabene -, dann natürlich Rhône-Alpes im Westen - eigentlich abgehängt von der Schweiz -, ebenso München. Wie sich zeigt, wird das Tessin immer mehr zu einem Teil des Metropolitanraums Mailand, während sich im Norden zwischen Basel und Frankfurt eine wirtschaftliche und kulturelle Dynamik entwickelt.

Man sieht auch, dass die Schweiz - ausser, vereinfacht gesagt, Bern und Zürich - nur aus so genannten "Grenzregionen" besteht. Das heisst, dass alle urbanisierten Räume - Genf, Tessin, Bodensee und Basel - grenzüberschreitende, transnationale Agglomerationen sind.

Die Bilder, die ich jetzt zeige, sind rein topographische Bilder, die belegen, wie sich die Besiedelung des Flachlandes von einer Höhe von 300 bis 700 Metern langsam ausbreitet. Auf der Höhe von 300 Metern situieren sich vor allem von Norden und Süden her die niedrigst gelegenen Orte der Schweiz, dann folgen jene auf 400 Metern, 500 Metern, 600 Metern und 700 Metern. Die jetzige Besiedelung der Schweiz nimmt sich weitgehend aus wie die primitive Idee eines schlichten "Auffüllens" der Schweiz - nehmen wir irgendeine Flüssigkeit - von den tieferen bis in die höheren Regionen; dies geschieht bis maximal 700 Meter über Meer. Oberhalb von 700 Metern liegen eigentlich nur noch ein paar Dörfer, als sei es so, dass die Schweiz aufgrund einer Art psychologischer Struktur von einer gewissen Höhenlage an eigentlich unberührt, antiurban und naturhaft bleiben sollte.

Ein Vergleich mit dem restlichen Europa und der Welt zeigt die unglaubliche Bevölkerungsdichte der Schweiz. Die Bevölkerungsdichte im Ruhrgebiet wird dicht gefolgt von jener des Schweizer Flachlandes. Auch die Schweiz als Ganzes, also inklusive alpine Gegenden und Jura, liegt immer noch im obersten Drittel. Das heisst, die Bevölkerungsdichte der Schweiz ist so hoch, dass mit der Zunahme der Bevölkerung - und die Schweiz wächst nach wie vor - urbane Szenarien tatsächlich gefragt sind: Wie besiedelt man die Schweiz? Wo besiedelt man die Schweiz? Wie verdichtet man allenfalls Regionen, sodass andere wirklich leer und unberührt bleiben können? Das sind wichtige und dringende Aufgaben der Zukunft.

Auf dem nächsten Bild sieht man, dass die Siedlungsräume in der Schweiz - vor allem im Süden, aber auch im Westen, bei Genf, und vor allem im Norden, zwischen Basel, Mulhouse und Freiburg - über die Grenzen hinaus weiter führen, dass die Schweiz tatsächlich nicht an den Grenzen aufhört, dass vor allem die urbane Schweiz eine transnationale Kultur lebt.

Wir haben jetzt versucht, mit "Bohrungen", wie wir das nennen, die Schweiz besser kennen zu lernen. Das heisst, wir bohren Löcher wie in einen Käse, ziehen eine Probe heraus und schauen sie näher an. Dies geschieht ebenso für ländlichere Gegenden wie für Agglomerationen und alpine Regionen.

Davon ausgehend, aufgrund dieser Erkenntnisse, bauen wir die Schweiz wie neu zusammen. Wir erkennen, dass es eigentlich verschiedene Kategorien von Urbanisation, von Leer- und von Landschaftsräumen gibt. Da gibt es als Erstes die Städtenetze, dazu gehört z. B. Bern, das - anders als Zürich, Genf oder Basel - nicht agglomerativ wächst, also nicht diesen "Brei" um sich bildet, sondern mit Thun, Fribourg, Neuchâtel, Biel, Burgdorf und Solothurn eine Art Städtekranz, eine "Krone", ein sonnenartiges System. Es macht also durchaus Sinn, die weitere Verdichtung innerhalb dieser Kleinzentren voranzutreiben und eben nicht - wie erwähnt - die grösseren Städte der Schweiz agglomerativ auswuchern zu lassen.

Das Gleiche ist natürlich im Tessin mit Lugano, Bellinzona und Locarno der Fall. Das ist wie eine Art "Mini-Rio de Janeiro", indem diese Topographie und diese heteropolaren Orte ein durchaus sinnvolles Städtenetz darstellen.

Luzern und auch die Bodenseeregion kann man in ähnlicher Weise beschreiben: als von einer stark geprägten Landschaft - Vierwaldstättersee oder Bodensee - bestimmte und wappenähnlich gebaute urbane Strukturen.

Dazwischen liegt das, was wir "stille Orte" nennen, das heisst Landschaftsräume, die bis jetzt eher eine Art "Leftovers" waren, weil man da bis heute einfach nicht so gebaut hat. Diese sollte man aber in Zukunft tatsächlich proaktiv wie eine Art Landschaftskarte oder Nationalpark weiter entwickeln; sie sind auf alle Landesteile verteilt. Ich spreche jetzt bewusst nur vom Flachland - das Alpengebiet kommt nachher -, sei es das Napfgebiet oder sei es das Gros-de-Vaud, das eine sehr interessante Zone darstellt. Das sind Gebiete, aus denen man die Besiedelung in Zukunft nicht völlig fernhalten sollte - natürlich sind auch diese Gebiete von Besiedelung durchzogen -, aber man sollte dort mit Besiedelung - auch was zum Beispiel Industriezonen betrifft - zurückhaltend operieren, um den noch vorhandenen Naturcharakter nicht weiter zu zerstören.

In den drei metropolitanen Regionen der Schweiz finden wir grössere Verdichtungen sinnvoll. Als metropolitan gelten Zürich, Genf und Basel, weil in diesen Räumen - das zeigen die Statistiken, Pendlerströme und Wirtschaftspotenziale - ganz andere Verhältnisse herrschen. Bei diesen drei Regionen handelt es sich nicht mehr um eigentliche Einzelstädte. Vielmehr haben sie längst andere Städte in ihren Sog gezogen: Genf weist mit einer engeren Agglomeration von 640 000 Einwohnern einen um Lausanne zum Arc lémanique erweiterten Agglomerationsraum von über einer Million Einwohnern auf; Zürich bildet mit Zug, Winterthur bis hin zu Schaffhausen eine Metropolitanregion von 1,9 Millionen Einwohnern, während die eigentliche Agglomeration etwas über eine Million Einwohner hat; Basel, das eine trinationale Agglomeration ist, in welcher der engere Schweizer Teil nur noch etwa einen Drittel ausmacht, stellt heute bereits eine Agglomeration von 750 000 Einwohnern sowie eine Metropolitanregion von über zwei Millionen Menschen dar.

Wieso sind die Metropolitanregionen anders, und was kann da gemacht werden? Das Beispiel Basel ist interessant, weil es zeigt, wie sehr heute eine Stadt - ich denke vor allem an Genf oder Basel - über Landesgrenzen hinaus gedacht werden muss, weil real Pendlerströme, S-Bahn-Netze usw. existieren, welche diese Denkweise in den Vordergrund stellen. Diese Szenarien, diese Verdichtungen - auch Mittel wie die S-Bahn -, sind aktiver einzusetzen und zu fördern; sie bilden die einzige Zukunft dieser Metropolitanregionen. Man hat gesehen, wie sehr sich die Stadt Zürich durch die S-Bahn verändert hat und wie sehr daraus eine wirkliche metropolitane Situation entstanden ist.

Man kann wiederum am Beispiel Basel zeigen, dass eine Stadt heute nicht mehr eine Form hat. Man kann nicht sagen, eine Stadt habe so und so viele Einwohner, sondern es kommt ganz darauf an, welchen Blick man darauf wirft. Ist die rein politische Gemeinde gemeint, dann sind die Kernstädte eher am Abnehmen. Die Agglomerationen, die S-Bahn-Erreichbarkeit, die Kulturräume, die Sprachräume, die Medienreichweite usw. ergeben immer wieder andere Definitionen. Das Bild hier zeigt immer die gleiche Stadt, als [PAGE 489] trinationaler Ort gedacht, immer in völlig anderen, fast amöbenartig verschiedenen Konfigurationen.

Hier ist zum Beispiel eine Darstellung der Verbindungswege und -orte zu sehen. Da kann man erkennen, wie wichtig es heute ist, planerisch einzugreifen. Im Falle von Genf und Basel ist das schwieriger, weil sie über die kantonalen und nationalen Grenzen hinaus reichen; der Dialog und der Gedankenaustausch, die Kommunikation darüber, welche Dinge man überhaupt anpackt, sind dadurch umso wichtiger geworden.

Wir haben dann aufgrund dieser Szenarien, dieser Erkenntnisse über metropolitane Räume, Städtenetze, stille Zonen usw., begonnen, die Schweiz wie ein Puzzle sozusagen neu zusammenzusetzen. Hier das Bild für das Flachland. Das nächste zeigt die alpine Schweiz während den Feiertagen oder während der Hochsaison. Da sieht man, dass die Strassen und auch die Siedlungen in der Ost-West-Achse wie heisse Drähte glühen und die Bevölkerungszahlen in diesen Zonen während dieser Zeit bis zu fünfmal und mehr grösser sind. Das heisst, die Alpenregionen - Engadin, Wallis usw. - sind wie atmende Städte, deren Bevölkerung sich plötzlich verfünffacht, fast eine Art Schwangerschaft. In der Nebensaison werden plötzlich wieder fast nur noch die Nord-Süd-Achsen sehr intensiv befahren, während die Seitentäler, die so dicht aufgefüllt und belegt waren, plötzlich viel schwächer flackern. Aus diesem Grund gilt auch hier - das ist ganz wichtig -, dass wir nicht überall die geltenden Bauzonen, diese ganzen Seitentäler und Alpentäler auffüllen sollten, sondern auch hier Schwerpunkte setzen müssen, die sich mit den bestehenden Dorfkernen quasi verbinden. Ein Beispiel ist die Gegend Maloja/Sils/St. Moritz/Samedan. Da sieht man ja bereits, wie eine tiefe Urbanisierung tatsächlich die Landschaft selbst und den Charme der Landschaft gefährdet.

Auf der nächsten Karte ist die gesamte Schweiz aufgrund dieser Überlegungen in die metropolitanen Räume, in die Städtenetze, in die stillen Zonen gegliedert. Man sieht, dass sozusagen eine Schweiz der Regionen entsteht, welche die lokalen Kulturen, die Sprachen, die geographischen und die wirtschaftlichen Eigenheiten verstärkt zum Ausdruck bringt und gezielt einsetzt, um diesen Orten ein Gesicht zu geben. Man sollte nicht diesen "Siedlungsbrei" weiter einfach aufquellen lassen.

Wir haben diese Karte dann wie eine Art Rezeptbuch aufgegliedert. Man kann dann erkennen, dass die absoluten Schutzzonen, die alpinen Räume, Gletscherräume usw. wie eine Art Alphabet oder wie eine Art Sprache der Schweiz sind, um sich selbst zu definieren. (Beifall)