Pfister Theophil · Nationalrat · 2002-06-05
Pfister Theophil · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2002-06-05
Wortprotokoll
Der Feuerbrand im Obstbau und die Varroa-Milben bei den Bienen haben eines gemeinsam: Sie stellen immer noch eine ernsthafte Bedrohung der Produktionsbasis dar - dies einerseits durch die biologische Schädigung, andererseits aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. In manchen Ländern wird die Situation mit dem Einsatz von problematischen Mitteln zur Bekämpfung dieser Erscheinungen temporär entschärft - vorwiegend mittels Antibiotika. Damit werden die Marktanteile gesichert. Unser Land sucht bekanntlich einen ökologischen und damit besseren Weg. Dabei besteht nun die Gefahr, dass am Ende überhaupt keine Lösung gefunden wird. Die Geprellten sind dann einmal mehr die Bauern.
Vom Feuerbrandproblem haben die Politik und die Öffentlichkeit ausreichend Kenntnis genommen. Der Bund hat finanzielle und administrative Hilfe angeboten. Dafür sind die Obstbauern dankbar. Was die Bekämpfung der Varroa-Milben betrifft, welche die gesamte Bienenhaltung in der Schweiz ernsthaft bedrohen, ist bis heute zu wenig erreicht worden. Es gibt somit auch wenig Hoffnung auf Besserung der Situation.
Wir sind ein Land, das im Bereich der biologischen und naturbelassenen Nahrungsmittel erklärtermassen eine Vorreiterrolle übernehmen will und hohe Anforderungen an die Produzenten durch gesetzliche und administrative Massnahmen und Vorgaben stellt. Wir sind offenbar aber nicht bereit, auch die Konsequenzen dieser edlen und vorsichtigen Haltung zu tragen.
Zur Forschung: Ich stelle fest, dass wir wohl einen erfolgreichen Forschungsplatz zur Verfügung haben, aber dass es uns kaum gelungen ist, unsere brennenden und ungelösten Fragen in den weniger zentralen Bereichen mit den neuesten Forschungsmöglichkeiten zu verbinden. Ich stelle auch fest, dass gerade unser Land, im Gegensatz zu Holland, nur eine ungenügende Verbindung zwischen der Grundlagenforschung und der angewandten Forschung aufweist. Ich stelle aus meiner Sicht weiter fest, dass sich unsere Grundlagenforschung stark an Zielen orientiert, die weitab von den Problemen der einheimischen Produzenten liegen. Dementsprechend präsentieren sich auch die Resultate, und dementsprechend kritisch werden die Resultate unserer landwirtschaftlichen Forschungsanstalten in der angewandten Forschung beurteilt. Es wird nicht verstanden, dass von Bundesseite her die wirkungsvollsten Bekämpfungsmittel gegen den Feuerbrand fast gänzlich verboten bleiben - zu Recht oder zu Unrecht - und daneben nur rudimentäre Anstrengungen für die Entwicklung unentbehrlicher Alternativen unternommen werden. Es ist frustrierend, wenn Mittel zur Bekämpfung des Feuerbrandes empfohlen werden, deren effektive Wirkungsweise für die Anwender weitgehend im Dunkeln liegt oder zu einem erheblichen Teil auf Vemutungen basiert. Damit meine ich z. B. das neu zugelassene biologische Mittel Mycosin. Der Obstproduzent steht weitgehend ratlos da, oft unterstützt von guten, aber unzureichend informierten Beratern. Diese Berater sollten die fast unlösbare Aufgabe übernehmen, die fehlende Forschung und Entwicklung durch Intuition und Beobachtung zu ersetzen. So kann es doch in einem Fachgebiet, wo allseitig besondere Leistungen verlangt werden, nicht auf die Dauer weitergehen. Da hilft auch der Hinweis auf den gut funktionierenden internationalen Erfahrungsaustausch wenig. Ich stelle fest, dass die erlassenen Einschränkungen heute einseitig zulasten der hiesigen Produzenten gehen, und dies in einem Umfeld, das sich zunehmend den internationalen Märkten öffnen muss. Dies bedeutet für die Produzenten vielfach Verluste, Frustration und Überforderung.
Meine dringende Bitte geht nun an die Verwaltung und an die Forschung, speziell an die Grundlagenforschung: Nehmen Sie mit Ihren neuen Möglichkeiten künftig vermehrt auch brennende Themen aus der hiesigen Praxis auf. Geben Sie der Praxis auch eine Chance, von den Anstrengungen der modernen Forschung zu profitieren. Stellen Sie Ihre Antennen in den Wind, und hören Sie mit, was an Problemen auch ausserhalb der Labors, der Büros und der wissenschaftlichen Käseglocke aktuell ist.
So wie für Haustiere wirksame Mittel verfügbar sind, müsste es doch auch möglich sein, dem erschreckenden Ausmass der Varroa-Milben bei den Bienen und der Hilflosigkeit beim Feuerbrand mit Ergebnissen aus der Forschung zu begegnen. Es ist für mich auffallend, wie wenig unser hoch entwickeltes Land bis heute zur Lösung der Probleme beim Feuerbrand und bei den Varroa-Milben beitragen konnte. Ebenso auffallend ist, wie sich die heutige Forschung sichtlich auf Arbeitsgebiete konzentriert, wo der publizistische Erfolg, die Anzahl der echten oder produzierten Erwähnungen in der Literatur zum Beispiel, eine grosse Rolle spielt.
Ich frage den Bundesrat, ob nebst der Anzahl der Zitate und Erwähnungen nicht auch die Lösung von aktuellen Problemen einen hohen Stellenwert in der Forschung haben sollte.
Meine Hoffnung geht dahin, dass eine ernsthafte Diskussion zwischen der angewandten, derzeit ziemlich passiven Forschung und der noch wenig involvierten Grundlagenforschung stattfindet. Zumindest sollte bald einmal geklärt werden, ob der heutige, unbefriedigende Zustand schon das Ende der Fahnenstange bedeutet oder ob mit gemeinsamen Anstrengungen hier Verbesserungen möglich sind.
Ich möchte abschliessend noch anerkennen, dass es neueste Anzeichen gibt, die hier eine Verbesserung erhoffen lassen. Grundsätzlich frage ich mich, ob es nicht auch ein Register der ungelösten Forschungsbedürfnisse geben sollte, das dann von der freien Forschung, insbesondere von der Grundlagenforschung, als Inspiration verwendet werden könnte.