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Günter Paul · Nationalrat · 2002-06-20

Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-06-20

Wortprotokoll

Die Initianten sind die Realisten und die Atombefürworter sind die technikgläubigen Strausse, die verantwortungslos den Kopf in den Sand stecken. Das Symbol der Absurdität der Atomlobby war für mich immer unser Sprecher der Kommission, Herr Fischer, über Jahrzehnte Direktor eines Betriebes, von dem nicht einmal der Grundstein existierte, quasi Direktor einer grünen Wiese, nämlich Direktor des inexistenten Kernkraftwerkes Kaiseraugst.

Die Gefahren werden von der Atomlobby systematisch ignoriert. Frau Stump hat davon gesprochen. Ich gebe Ihnen jetzt ein sehr illustratives Beispiel. 1986, als nach der Explosion im KKW Tschernobyl der radioaktive Fall-out in Richtung Polen ging, hat man in Polen der Bevölkerung Jod verteilt. [PAGE 1077] Warum Jod? Das radioaktive Jod ist eines der gefährlichsten frei werdenden radioaktiven Elemente bei einer Atomkatastrophe. Weil unsere Schilddrüse gierig ist nach Jod, nimmt sie das radioaktive Jod auf; es bleibt in der Schilddrüse, und es kommt dort später, Jahrzehnte später, zum Krebs. Man kann sich etwas dagegen schützen, wenn man rechtzeitig sehr viel Jod einnimmt. Aber das Problem dabei ist eben, dass man das Jod einnehmen muss, bevor das radioaktive Jod da ist. Mit anderen Worten: Es muss sehr schnell gehen, und man muss bereit sein. Die Polen schafften dies zum Teil.

Wir in der Schweiz hätten das 1986 nicht tun können. Das Militär hatte zwar im Hinblick auf einen möglichen Atomkrieg grosse Lager an Jod. Aber dummerweise war das Jod nicht in Tablettenform vorhanden, und man hätte es auch nicht in nützlicher Zeit in Tablettenform bringen und dann noch an die Bevölkerung verteilen können. Wir Atomskeptiker haben dann sofort verlangt, dass unsere Behörden wenigstens diese Lücke schliessen müssen. Es ging sechs Jahre, bis 1992, bis man sich endlich zusammengerauft hatte, um diese Jodtabletten zu verteilen. Es wäre zwar schon 1986 eine Lösung bereit gewesen. Man wollte damals die Jodtabletten an den Stromzähler hängen. Aber dann hat sich die Elektroindustrie dagegen gewehrt. Sie hat einen Aufstand gemacht, weil sie nicht wollte, dass das Volk durch die Jodtablette am Stromzähler daran erinnert wird, dass Strom aus KKW auch eine Atomkatastrophe auslösen könnte. Die Evaluation, wie und wo man die Jodtablette lagern und verteilen sollte, war am Ende teurer als die Pillen, die man dann endlich gekauft hat.

Man hat die Jodtablette aber nur im Kreis 1 unter der Bevölkerung verteilt, und im Kreis 2, zu dem z. B. die Stadt Bern gehört, werden sie irgendwo zentral gelagert. Wenn das KKW Mühleberg - was wir alle nicht hoffen wollen - eine Katastrophe verursachen sollte, müssten die Berner irgendwo, ich weiss auch nicht wo, ihre Jodpille holen. Sie müssten sie aber auch noch rechtzeitig einnehmen, bevor der Wind das radioaktive Jod in die Stadt geblasen hat. Sie sehen, wie absurd das ist.

Glücklicherweise sind die Jodpillen jetzt zehn Jahre alt, und man muss sie ersetzen. Der Bund möchte das System ändern - das habe ich mit Freude festgestellt - und wenigstens auch im Kreis 2 die Pillen so verteilen, dass sie jederzeit griffbereit sind, wenn etwas passiert. Aber wenn man die Vernehmlassung liest, die jetzt dazu herausgegeben worden ist, heisst es: Der Bund möchte das System so ändern, wenn keine negative Vernehmlassungsantwort kommt. Ich sehe das nächste Drama schon kommen, indem unsere Atomindustrie dazu wieder nicht bereit ist und so wieder die Realisierung der einzigen Massnahme verhindert, die eine kleine Hilfe bei einem Atomunfall sein könnte. Für mich zeigt die ganze Geschichte klar, wie wenig ernst die Atomlobby die Gefahren nimmt: Man will lieber die Augen davor verschliessen, oder, wenn wir beim anderen Bild bleiben wollen, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass es nicht passiert.

Heute erzählt man wieder, unsere Atomkraftwerke seien die sichersten AKW. Dabei gehören die KKW Beznau und Mühleberg nach einem internationalen Verzeichnis zu einer unsicheren Kategorie von Atomkraftwerken. Es ist nicht wahr, dass wir die sichersten AKW haben, wir haben zwei der unsichersten Kraftwerke in ganz Europa!