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Glättli Balthasar · Nationalrat · 2018-09-19

Glättli Balthasar · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2018-09-19

Wortprotokoll

In der Politik gibt es Fragen, die sind, im Idealfall, nicht rechts oder links. Dann kann es sogar zu so überraschenden Situationen kommen wie die, dass sich der grüne Nationalrat Glättli mit dem MCG-Nationalrat Golay ein Kopräsidium teilt. Das führt mich zu meiner Interessenbindung: Ich bin, zusammen mit Kollege Roger Golay, Kopräsident von Promembro. Promembro ist eine Selbsthilfeorganisation von Prothesenträgerinnen und Prothesenträgern. In unserem Vereinsvorstand sind wir beide eigentlich die Einzigen, die nicht selbst betroffen sind oder Direktbetroffene in der Familie haben. [PAGE 1467]

Unsere gleichlautenden Motionen - wir bitten Sie dann, in einer einzigen Abstimmung darüber abzustimmen - ermöglichen Ihnen in diesem Rat, eines der dringendsten Anliegen der betroffenen Prothesenträgerinnen und Prothesenträger zu unterstützen.

Ich möchte, bevor wir darüber sprechen, aber noch etwas vorausschicken: Auch die perfekteste Prothese wird nie ein amputiertes Glied ersetzen können. Wenn man in diesem Bereich von Luxus spricht, ist das definitiv eine Verkennung der Situation der Betroffenen. Auch die modernste Prothese wird nur einen Teil der Funktionen wieder ermöglichen können. Ich finde das wichtig zu sagen, denn wer wegen einer angeborenen Fehlbildung oder auch wegen eines Unfalls, der zu einer Amputation geführt hat, mit einer Prothese leben muss, muss diese ein Leben lang tragen, muss ein Leben lang ohne dieses Glied auskommen.

Die Betroffenen wollen aber kein Mitleid. Sie wollen nur das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der technische Fortschritt in diesem Bereich mit der Zeit auch tatsächlich bei ihnen ankommt. Sie wollen Situationen wie die folgende - ein reales Beispiel aus unserem Verein - verhindern: Die Versicherungen sagen einem Ehepaar, beide Prothesenträger: "Okay, Sie als Ehemann, Sie erhalten eine bessere Prothese, weil dies für Ihre Erwerbstätigkeit nötig ist. Aber, Entschuldigung, Sie als Ehefrau mit der gleichen Behinderung, Sie müssen mit der Technik von gestern vorliebnehmen, weil Sie keiner Erwerbstätigkeit nachgehen." Das kann es nicht sein!

Wir investieren, auch an unseren Eidgenössischen Technischen Hochschulen, viel Hirnschmalz, viel Engagement in die Forschung im Bereich dieser Assistenzsysteme. Wir haben sogar vor zwei Jahren mit massgeblicher Beteiligung der Eidgenössischen Technischen Hochschulen den weltersten Cybathlon organisiert, einen einzigartigen Wettkampf, bei dem sich Menschen nicht in erster Linie sportlich gemessen haben, sondern bei dem sich Menschen mit Behinderungen beim Absolvieren alltagsrelevanter Aufgaben mittels modernster technischer Assistenzsysteme gemessen haben.

2020 wird es eine weitere Austragung geben. Da wird man noch stärker darauf achten, dass es eben nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um Fähigkeiten im Alltag geht. Wir wollen, dass die Resultate dieser Forschung, die ja auch mit Bundesgeldern unterstützt wird, den langen Weg zu den Betroffenen finden.

Noch ein Wort zu den Kosten: Die Gesamtkosten von Hilfsmitteln, die von der IV gedeckt werden, betragen knapp 210 Millionen Franken pro Jahr. Die Kosten für Arm- und Beinprothesen betragen 9,2 Millionen Franken. Das geht aus der IV-Statistik 2017 hervor. Es geht also faktisch um 1 Promille der gesamten IV-Kosten. Es bringt nichts - ich möchte daraus kein Geheimnis machen -, das schönzureden: Wenn das Parlament diese Motion annimmt, sollte das auch dazu führen, dass die relevanten Bestimmungen am Schluss so geändert werden, dass die Kosten möglicherweise leicht steigen. Das sind aber Kosten, die, wie gesagt, heute schon im Promillebereich sind.

Für die Betroffenen ist der Unterschied aber nicht ein Promille, sondern wie der zwischen Tag und Nacht. Eine Prothese, die den Bedürfnissen der Amputierten gerecht wird, ermöglicht täglich eine bessere Lebensqualität und schafft endlich bessere Voraussetzungen nicht nur fürs Erwerbsleben, sondern auch für die Integration in die ganze Gesellschaft.

Im Namen der Betroffenen bitte ich Sie für dieses Anliegen um Ihre Stimme.