Günter Paul · Nationalrat · 2002-09-18
Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-09-18
Wortprotokoll
Provoziert wurden die Volksinitiativen und damit auch die Parlamentarische Initiative Marty Dick durch Herrn Caspar Baader, jetzt Chef der SVP-Fraktion, welcher bei einer Vorlage zugunsten der Rechte der Tiere 1999 hier im Rat die Meinung vertrat, Tiere seien eine Sache, und in diesem Rat für diese Haltung leider eine [PAGE 1255] Mehrheit fand. Ich bin glücklich, dass wir jetzt dabei sind, diesen Fehler zu korrigieren. Persönlich werde ich auch den Volksinitiativen zustimmen. Falls die Parlamentarische Initiative aus dem Ständerat hier angenommen wird, was ich voraussehe, dann wären allerdings die Initianten gut beraten, ihre Initiativen zurückzuziehen.
Wir können es im Bericht des Bundesrates und der Kommission nachlesen: Beide Initiativen sind einfach zu realisieren; sie verursachen kaum Kosten; sie bringen etwas zum Ausdruck, was vielen Menschen wichtig ist, nämlich die Liebe zu den Tieren; sie bezeugen den Respekt vor der Schöpfung. Zu diesem Punkt möchte ich etwas ausführlicher werden.
Menschen aus zwei Gruppen, die mir sehr nahe stehen, haben manchmal Mühe, wenn man sich engagiert für den Tierschutz einsetzt. Es handelt sich einerseits um meine Genossinnen und Genossen. Hier werden Kommentare laut wie: "Wie kann man sich so für die Tiere einsetzen, wenn noch so viel soziale Not in diesem Land und insbesondere auch in der Dritten Welt herrscht?" Die andere Gruppe sind die behinderten Menschen, die zu Recht darauf hinweisen, dass es doch vor der Verbesserung der Rechte der Tiere darum gehen würde, die Rechte der Behinderten zu verbessern, damit sie zum Beispiel einen besseren Zugang zu unserer Gesellschaft haben, damit sie ein eigenständigeres Leben führen können. Beide Anliegen sind wichtig, und sie sind - das sage ich hier auch - wichtiger als die Anliegen der Tierschützer.
Dennoch sollten wir hier nicht einen Gegensatz konstruieren. Denn es geht um das, was ich die Biophilie nenne, den Respekt und die Liebe zu allem Lebenden. Dazu gehört der Einsatz für benachteiligte Menschen, dazu gehört das Mitfühlen mit Tieren, dazu gehört der Respekt vor der Natur, der Umwelt und der Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung unserer Welt. Wir Mitglieder der biophilen Gruppe - ich sage dem jetzt so - müssen aufhören, unter uns selbst Gegensätze zu konstruieren und Grabenkämpfe auszutragen. Wir müssen gemeinsam unser Anliegen vertreten. Denn der wahre Gegensatz besteht zu denen, die ich die Nekrophilen nenne, die Friedensbrecher, die Kriegstreiber, die Umweltzerstörer, die Ausbeuter von Mensch und Erde. Gerade weil ich mich für Benachteiligte und Behinderte nach Kräften einzusetzen versuche, gerade deshalb darf, kann und will ich auch zu einem verstärkten Tierschutz Ja sagen. Dazu gehört die dezidierte Feststellung, Herr Baader, auch wenn Sie jetzt nicht da sind, dass Tiere keine Sache sind.