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Kälin Irène · Nationalrat · 2019-09-11

Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2019-09-11

Wortprotokoll

Es ist kein Geheimnis, dass die Initiative "für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub" aus Sicht der Grünen den gesellschaftlichen Realitäten und Herausforderungen nicht genügt. 4 Wochen Vaterschaftsurlaub sind ungenügend, genauso, wie der bestehende Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen ungenügend ist: ungenügend für einen guten Familienstart; ungenügend für die Gesundheit des Kindes; ungenügend für eine gute Mutter-Kind-Beziehung; ungenügend für eine starke Vater-Kind-Beziehung; ungenügend für eine faire und ausgewogene Rollenteilung innerhalb der Familie; ungenügend für mehr Gleichstellung zwischen Müttern und Vätern; ungenügend für den beruflichen Wiedereinstieg der Mütter; ungenügend, wenn Mütter Teil der Lösung zur Behebung des Fachkräftemangels sein sollen; ungenügend für die Zukunft der Schweiz, denn unsere Kinder sind unser aller Zukunft.

Wir sind nicht nur in puncto Vaterschaftsurlaub, der bis heute bei uns inexistent ist, ein Schlusslicht unter allen OECD-Ländern, sondern sind es auch beim Mutterschaftsurlaub und bei der Elternzeit, welche gänzlich fehlt. Das Schlusslicht würden wir auch mit den 4 Wochen Vaterschaftsurlaub der Initiative und natürlich mit den 2 Wochen des Gegenentwurfes bleiben. Wir sind familienpolitisch ein Entwicklungsland. [PAGE 1447]

Um das zu ändern, haben wir den Minderheitsantrag III eingereicht, der den Vaterschaftsurlaub des Gegenentwurfes auf eine Elternzeit von 52 Wochen - also von einem Jahr - ausdehnen und damit zu einer echten Antwort für die Anliegen unserer Familien machen will. Es sind 52 Wochen, die je zur Hälfte von beiden Elternteilen zu beziehen sind, wobei höchstens 8 Wochen gemeinsam bezogen werden können und die ersten 14 Wochen für die Mutter reserviert sind. Es darf schliesslich nicht sein, dass eine Elternzeit - egal wie gut sie sonst ist - hinter die heutigen Errungenschaften für die Gesundheit der Mutter zurückfällt.

Wieso 52 Wochen? Mit 52 Wochen würden wir gerade im Mittelfeld aller OECD-Länder zu liegen kommen, denn der Mittelwert liegt heute bei 54,4 Wochen. Wir wären also auch mit einem einjährigen Elternzeitmodell keine Vorreiterin in der Familien- und Gleichstellungspolitik, aber wir könnten uns sehen lassen und würden unseren Familien und Eltern die Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdient haben. Das sind wir unseren Familien schuldig, insbesondere aber auch unseren Kindern. Mit einer Elternzeit haben Kinder die Chance auf eine starke und gesunde Beziehung zu beiden Elternteilen. Auch die Gesundheit des Kindes wird von einer einjährigen Elternzeit positiv beeinflusst, vor allem dank einer längeren Stillzeit. Kinder aus sozioökonomisch weniger privilegierten Familien profitieren überproportional - etwas, das sich ein Leben lang auszahlt.

Eine 52-wöchige Elternzeit würde der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern Schub verleihen, denn zahlreiche Studien belegen nicht nur, dass Väter ab 8 Wochen Elternzeit beginnen, nachhaltig mehr Verantwortung innerhalb der Familie zu übernehmen, wodurch eine egalitäre Arbeitsteilung innerhalb und ausserhalb der Familie möglich wird, sondern auch, dass mit einer vernünftigen Elternzeit Mütter vermehrt wieder in die Erwerbsarbeit zurückkehren, wiedereinsteigen und höhere Stellenprozente anstreben. Der maximale Effekt für diesen Wiedereinstieg liegt bei 28 Wochen. Eine Elternzeit von 52 Wochen, wovon beiden Elternteilen je 26 Wochen zustehen, ist also sowohl für die Gleichstellung wie auch für den beruflichen Wiedereinstieg der Mütter ideal.

Eine Elternzeit ist damit gut für alle: für die Kinder, für die Mütter, für die Väter, für die Gleichstellung, für eine egalitäre und freie Rollenteilung der Eltern innerhalb und ausserhalb der Familie, für mehr Mütter im Berufsleben, für mehr Mütter in Führungspositionen, für die Wirtschaft und die Zukunft unseres Landes.

Wohl wissend, dass wir für eine vernünftige Elternzeit hier keine Mehrheiten finden, haben wir einen zweiten Antrag zu unterbreiten, der den Anspruch im Gegenentwurf auf das Doppelte der Initiativforderung erhöhen will, also auf einen Vaterschaftsurlaub von 8 Wochen. Das entspricht der vorliegenden Minderheit VI.

4 Wochen Vaterschaftsurlaub sind zu wenig, 2 Wochen viel zu wenig. Denn was sind zwei Wochen im Leben einer Familie kurz nach der Geburt? Drei bis fünf Tage sind Spital- oder Geburtshausaufenthalt, wenn die Geburt problemlos verläuft und Mutter und Kind wohlauf sind. Dann folgt eine Woche gemeinsam zu Hause - und dann ist der Vater bereits wieder weg. Jede Hebamme wird Ihnen sagen, dass das Wochenbett der Mutter drei Wochen dauert, drei Wochen, in denen Mutter und Kind sich erholen sollten, die Mutter weder putzen noch kochen noch allfällige andere Kinder betreuen sollte, drei Wochen, in denen man als Eltern langsam realisiert, dass nun alles anders ist.

Die Geburt eines Kindes ist eine Revolution im Leben aller Eltern, vielleicht die grösste, die wir je erleben. Das Leben steht auf dem Kopf, und alle Familienmitglieder brauchen Zeit, um sich in ihrer neuen Rolle zu finden und zu organisieren. Wie soll das funktionieren mit 2 Wochen? Was verbessert sich nachhaltig mit einem 4-wöchigen Vaterschaftsurlaub? Leider zu wenig!

Zum Glück sind unsere Nachbarländer viel weiter, was Elternzeit, Mutterschaftsurlaub und Vaterschaftsurlaub anbelangt, und so gibt es verlässliche Studien, die darüber Auskunft geben, was ein sinnvoller Zeitrahmen ist und was nicht. Diese Studien kommen zum Schluss, dass ein Vaterschaftsurlaub erst eine nachhaltige Wirkung entfalten kann, wenn er im Minimum 8 Wochen dauert. Zu einer nachhaltigen Wirkung zählen eine gute Vater-Kind-Beziehung, ein erhöhtes familiäres Engagement der Väter und damit die Möglichkeit zu einer egalitären Rollenteilung zwischen den Eltern, was die Betreuungs- und Erwerbsarbeit angeht.

Diese nachhaltigen positiven Wirkungen wollen wir und sind wir unseren Familien schuldig: eine möglichst freie und egalitäre Rollenteilung innerhalb der Familie; Väter, die gegenüber ihren Kindern mit den Müttern gleichberechtigt sind; Mütter, die nicht die ganze Verantwortung zu Hause tragen müssen und nicht ihre berufliche Zukunft riskieren müssen, nur weil sie Mütter sind; eine Gesellschaft, die sich im Wissen darum, dass die Zukunft unserer Kinder unser aller Zukunft ist, solidarisch mit unseren Familien zeigt.

Setzen wir heute ein starkes Zeichen für unsere Familien! Es ist überfällig.