Kälin Irène · Nationalrat · 2019-12-17
Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2019-12-17
Wortprotokoll
65[NB]000 Pflegende fehlen bis im Jahr 2030 - eine unglaubliche Zahl. Selten machte mich ein Versäumnis all jener, die schon länger hier im Rat sitzen oder vor uns allen dieses Amt bekleidet haben, ratloser als dieser Befund. Denn wir wissen es nicht erst seit gestern oder vorgestern. Schon heute fehlen Tausende Pflegende. Bis 2030 fehlen 29[NB]000 Pflegefachpersonen, 20[NB]000 Fachpersonen Gesundheit und 16[NB]000 Personen mit einem Berufsattest.
Hinter jeder Fachperson, die fehlen wird, steht eine Patientin oder ein Patient: ein Onkel, eine Tante, eine Mutter, ein Vater, ein Grossvater oder eine Ehefrau - Menschen. Die Menschen werden dank den medizinischen Fortschritten und unserer guten Grundversorgung heute älter als gestern und morgen wohl noch älter als heute. Doch das vermeintliche Geschenk eines längeren Lebens ist bei Mangel an Unterstützung oft eine Last - eine Last für die Pflegebedürftigen, eine Last aber auch für die Pflegenden. Personalmangel bedeutet für die Pflegenden Stress und hohe Belastung, Überstunden und Frustration. Für die Pflegebedürftigen bedeutet Personalmangel lange Wartezeiten, wenig - manchmal zu wenig - Pflege und stetig wechselndes Personal. Plötzlich tragen Menschen Windeln, nicht weil sie diese zwingend brauchen, sondern weil niemand innert nützlicher Frist bei ihnen für den WC-Gang erscheinen kann. Das ist für die Pflegebedürftigen erniedrigend, es ist aber auch erniedrigend für die Pflegenden, die sich immer mehr bewusst werden, dass sie ihre Arbeit nicht in der von ihnen gewünschten Qualität verrichten können. Wie sollen sie auch, wenn der Personalmangel genauso stetig zunimmt wie die Zahl der Pflegebedürftigen?
Die Schweiz bildet heute mit 43 Prozent des Bedarfs nicht einmal die Hälfte der benötigten Pflegefachpersonen aus. Das ist für die Arbeitsbedingungen der in der Pflege beschäftigten Fachpersonen verheerend. Kein Wunder, ist die Berufsverweildauer von Pflegenden tief, die Fluktuation hoch und die Zahl der Berufsaussteigenden gross. Wir müssen es deutsch und deutlich sagen: Die Arbeitsbedingungen in vielen Pflegeberufen sind schlecht: lange Tage, zu viele Patientinnen und Patienten, zu wenig Zeit, tiefe Löhne, viele Überstunden, Nachtschichten und Wochenendeinsätze. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird bei Pflegenden stetig schlechter statt besser. Man muss stets verfügbar sein, unangekündigt länger bleiben, kann das Pensum kaum reduzieren, wenn man Mutter oder Vater wird.
Kein Wunder also, dass viele ihren Beruf wechseln oder ihn wegen körperlicher oder psychischer Beschwerden gar wechseln müssen. Kein Wunder also, dass viele ältere Menschen Angst haben vor einer kommenden Pflegebedürftigkeit. Kein Wunder, dass jene, die bereits gepflegt werden müssen, zum Ausdruck bringen, dass sie oft mit der Qualität der Pflege nicht zufrieden sind und den Personalmangel spüren, dass sie die Zeit vermissen, die die Pflegenden nicht haben; und dies, obwohl die Pflegenden alles Erdenkliche tun, um ihre Arbeit trotz sehr schweren Voraussetzungen so gut wie möglich zu machen. Denn - das muss ebenfalls deutsch und deutlich gesagt werden - unsere Pflegenden leisten Grossartiges unter erschwerten und oft sogar sehr schweren Bedingungen.
Deshalb tut die Pflege-Initiative not, sie ist überfällig. Wir müssen in die Ausbildung investieren, und wir müssen in die Arbeitsbedingungen und in die Eigenverantwortung investieren, damit die Pflegenden nach der Ausbildung in ihrem Beruf bleiben. Deshalb genügt der indirekte Gegenvorschlag noch nicht. Er nimmt sich zwar der Aus- und Weiterbildung an, lässt aber griffige Massnahmen zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und damit die notwendigen Bemühungen, den Pflegeberuf attraktiv zu machen, vermissen - es sei denn, die Minderheiten kommen durch und werden zu Mehrheiten.
Wenn die Arbeitsbedingungen nicht ebenfalls besser werden, dann werden wohl auch weiterhin viele Pflegende ihren Beruf wechseln. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Denn die pflegebedürftigen Menschen haben gute Pflege verdient und die Pflegenden die entsprechenden Rahmenbedingungen, um ihre Arbeit gut und auch gerne zu machen. Es geht um Menschen, es geht um unsere Eltern, unsere Tanten, unsere Grossväter, und eines Tages geht es um uns selber. Denn wir werden wohl alle auch persönlich einmal mehr oder weniger auf Pflege angewiesen sein.