Lexipedia

Flach Beat · Nationalrat · 2019-12-17

Flach Beat · Nationalrat · Aargau · Grünliberale Fraktion · 2019-12-17

Wortprotokoll

Vor einigen Jahren war ich an einer grossen Computermesse. Da hatte auf einem Stockwerk ein japanischer Grosskonzern seinen Stand eingerichtet mit lauter Robotern und Computern für den Pflegebereich. Da gab es auch einen kleinen computergesteuerten Roboter, der einen daran erinnert, dass man die Tabletten einnehmen muss, der einen daran erinnert, dass der Arztbesuch bevorsteht, oder der einem auf den entsprechenden Befehl hin ein - notabene japanisches - Kinderlied vorsingt. Da habe ich mir gedacht, das sei ja noch lustig. Aber möchte ich, wenn ich einmal bettlägerig bin, wenn ich einmal alt bin, wenn ich nicht mehr fit bin und gepflegt werden muss, von einem solchen kleinen japanischen Roboter betreut werden, der mir dann sagt, dass ich die Tabletten einnehmen soll, obwohl ich vielleicht nicht mehr weiss, wo ich sie hingelegt habe? Vielleicht sagt er mir computergesteuert, dass ich gut aussehe und dass es ein schöner Tag sei, obwohl ich mich nicht so fühle, obwohl es mir nicht so gut geht. Nein, ich glaube, das möchte ich nicht.

Ich glaube, dass uns die Digitalisierung vieles erleichtern wird. Sie wird uns in vielen Bereichen Möglichkeiten eröffnen, die für unsere Generation und für die nachfolgenden Generationen eine Verbesserung bringen werden. Aber die Pflege eines Menschen muss ein Mensch machen. Darum ist es wichtig, dass wir entsprechende Ressourcen auch zur Verfügung stellen. Das gilt umso mehr, wenn die demografische Entwicklung so weitergeht, wie sie jetzt ist. Wir werden immer älter, und es sind immer mehr Menschen, die älter werden. Es geht nicht nur um die Babyboomer; durch die Verlängerung der Lebensdauer geht es auch um die nachfolgenden Generationen, die zu einem grossen Teil pflegebedürftig sein werden. [PAGE 2295]

Dann haben wir in den Pflegeberufen ein paar typische Effekte, denen wir entgegenwirken müssen. Die Pflegeberufe sind typische Frauenberufe. Frauenberufe zeichnen sich dadurch aus, dass sie meistens schlecht bezahlt sind, und auch dadurch, dass sie relativ hohe Ausstiegsquoten aufweisen und der Wiedereinstieg schwierig ist. Mit einer Ausstiegsquote von über 40 Prozent liegen die Pflegeberufe an der Spitze. Die Initiative geht deshalb etwas an, was virulent ist, was[NB]auf[NB]uns[NB]zukommt und dem wir etwas entgegenstellen müssen.

Allerdings will die Initiative die Pflegeberufe in der Verfassung festschreiben, und das bringt uns wahrscheinlich in der Zeit, in der wir eine Lösung finden müssen, überhaupt nicht weiter. Allein bis ins Jahr 2025 - das ist in fünf Jahren - brauchen wir rund 40[NB]000 zusätzliche Personen, die wir heute grösstenteils quasi aus dem Ausland importieren, und dies vor allem aus Ländern, die dann dasselbe Problem bekommen wie wir. Ich bin deshalb dezidiert der Meinung, dass der indirekte Gegenvorschlag mit einer Initiative, die die Ausbildung und die Besserstellung der Pflegenden zum Ziel hat und auch administrative Hürden abbauen will, der richtige Weg ist, um innerhalb der kurzen Zeit, in welcher wir noch Handlungsfreiheit haben, tatsächlich auch eine Verbesserung zu erreichen. Ich möchte dereinst nicht von einem japanischsprechenden kleinen Roboter gepflegt werden, sondern gerne von einem der Menschen, die das heute schon tun, mit grosser Aufopferung und zu wenig Lohn.