Kälin Irène · Nationalrat · 2020-06-18
Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2020-06-18
Wortprotokoll
Männer waren in der Corona-Krise sehr präsent: Die Medien waren voll mit Experten, an den Pressekonferenzen des Bundesrates traten fast ausschliesslich Männer auf. Der wirtschaftliche Beirat des Bundesrates besteht aus sechs Männern und einer einzigen Frau. Das Bild, das gezeichnet wurde, war: In der Krise sind es die Männer, die uns retten!
Dabei waren es vor allem Frauen, die in den systemrelevanten Berufen arbeiten und die uns durch die Krise getragen haben: Frauen an den Kassen und zwischen den Regalen der Lebensmittelläden, Frauen in den Kindertagesstätten, Haushaltshilfen und Hausangestellte, Frauen in Spitälern, Frauen [PAGE 1064] in Putzequipen, Frauen zuhause, eingeklemmt zwischen Homeoffice, Homeschooling und Haushalt.
Diesen Frauen gebührt nicht nur unser Dank, diesen Frauen sind wir es schuldig, dass wir die nach wie vor bestehenden Lücken und Gräben bei der Gleichstellung, die gerade in der Krise so sichtbar wurden wie selten zuvor, endlich schliessen. Denn die Krise hat nicht nur die unglaubliche Leistung dieser Frauen gezeigt, sondern auch, dass die Gleichstellung in diesem Land noch lange nicht da ist, wo sie sein sollte. Deshalb gehen Frauen und Männer immer wieder auf die Strasse, am 14. Juni vor einem Jahr in einer unglaublichen, starken und breiten Präsenz.
Il y a une année, un demi-million de femmes ont exigé ce qui devrait être une évidence: l'égalité entre femmes et hommes. Garantie par la Constitution, elle n'est toujours pas réalisée.
Die Gleichstellung in der Schweiz hinkt seit vielen Jahren dem Verfassungsauftrag hinterher. Die Corona-Krise zeigte nun viele geschlechterspezifische Probleme unserer Gesellschaft exemplarisch auf, sei es im Bereich der hinkenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei der ungleichen Verteilung der unbezahlten Arbeit oder bei der Übervertretung von Frauen in den systemrelevanten Berufen mit tiefen und zum Teil tiefsten Einkommen.
Wir Frauen sind das soziale, aber auch das wirtschaftliche Rückgrat der Gesellschaft. Es muss deshalb der spezifischen Situation der Frauen mit ihrem bezahlten und unbezahlten Einsatz für Familie, Wirtschaft und Gesellschaft Rechnung getragen werden, in der Krise und darüber hinaus. Denn wir hätten die akute Phase der Krise ohne die immense Arbeit von Menschen in den systemrelevanten Berufen nicht überstanden. In vielen dieser Branchen sind Frauen stark übervertreten. So sind beispielsweise zwei Drittel aller Detailhandelsangestellten Frauen, 86 Prozent aller Pflegefachpersonen sind Frauen, und 92 Prozent aller Kleinkinderbetreuerinnen und -betreuer sind Frauen. Sie alle haben dafür gesorgt, dass unser System nicht kollabierte. Sie sind es aber auch, die nach wie vor weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, die mit Sexismus im Alltag konfrontiert sind und die nach wie vor den grössten Teil der unbezahlten Arbeit schultern.
Ich danke dem Bundesrat für die Aufzählung all seiner Bemühungen der vergangenen Jahre im Bereich der Gleichstellung als Antwort auf unsere Interpellation. Aber so lange die Liste ist, so ungenügend ist sie. Eine lange Antwort ist nicht eine gute Antwort, denn, mit Verlaub, die ergriffenen Massnahmen wie das befristete Impulsprogramm für die Schaffung familienergänzender Betreuungsplätze oder die am Ersten des kommenden Monats in Kraft tretende Lohngleichheitsanalysepflicht für Unternehmen ab hundert Arbeitnehmenden und die Anerkennung der enormen, während der Corona-Krise im Gesundheits- und Care-Bereich sowie im Lebensmittelsektor erbrachten Leistungen von Frauen reichen nicht aus. Sie waren ungenügend, sie sind ungenügend, und sie sind ganz sicher keine befriedigende Antwort auf die aktuelle Krise.
Um die Gleichstellung endlich da zu etablieren, wo sie über das Papier und über Absichtserklärungen hinausgeht, nämlich in der Realität und im Alltag von allen Frauen in unserem Land, braucht es mehr - viel mehr! Es braucht keine befristeten Impulsprogramme für familienergänzende Betreuungsplätze, sondern eine professionelle und staatlich unterstützte Betreuungsoffensive. Lohnanalysen sind schön und gut, aber wenn frauenspezifische Lohnungleichheiten nicht gebüsst werden können, dann fehlt den Frauen das Geld im Portemonnaie und später in der Altersvorsorge. Applaus und Dank für die Arbeitnehmerinnen in den systemrelevanten Berufen sind richtig und wichtig, aber echte Anerkennung und Wertschätzung muss sich in besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen niederschlagen.
Mit der heutigen Debatte geben wir den Frauen für eine Stunde die Sichtbarkeit, die sie verdient haben, die sie jeden einzelnen Tag verdient hätten. In den kommenden Wochen und Monaten sind wir alle gefragt, Lösungen zu präsentieren, die eine echte Antwort auf die gleichstellungspolitischen und frauenspezifischen Probleme in unserem Land sind. Denn Frauen sind systemrelevant, und die Gleichstellung ist und bleibt ein Verfassungsauftrag.