Lexipedia

Mäder Jörg · Nationalrat · 2020-09-23

Mäder Jörg · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2020-09-23

Wortprotokoll

Wir haben gehört, wir sollten die Kosten, die da für die Wirtschaft entstehen, berücksichtigen. Wir haben gehört, es sei eine neue Sozialversicherung, die hier entstehe, ein neuer zwingender Bedarf. Wir haben gehört, wir sollten uns auf Wichtigeres konzentrieren.

Der Staat sollte der Gesellschaft dienen und nicht die Gesellschaft dem Staat. Woraus besteht eine Gesellschaft? Aus Menschen: aus Menschen, die sich eine eigenständige Meinung bilden können und die den anderen respektieren, aus Menschen, die mit Selbstvertrauen durch das Leben gehen, aber auch den anderen akzeptieren, aus Menschen, die fähig sind, mit Vertrauen Beziehungen aufzubauen, und sich nicht mit Misstrauen überall abkapseln. Das wünschen wir uns hier alle. Wir wünschen uns ja insbesondere, dass am Wochenende möglichst viele Leute aktiv an dieser Gesellschaft teilnehmen, indem sie ihr Recht abstimmend wahrnehmen.

Diese Grundhaltung, die wir uns von den Menschen wünschen, und die entsprechenden Fähigkeiten werden sehr früh gebildet, in verschiedensten Arten, vor allem in der Familie. Das ist das zentrale Element dieser Vorlage. Wir dürfen hier nicht die Perspektive der Eltern einnehmen, und damit hat es sich. Man darf davon ausgehen, dass sie sich die Zeit freigeschaufelt haben, um diese Beziehung aufzubauen. Das ist die falsche Perspektive. Die Perspektive ist diejenige der Kinder. Wir wollen eine nächste Generation, die aktiv am Leben teilnimmt, am Staat teilnimmt, an der Gesellschaft teilnimmt. Da ist diese erste Phase matchentscheidend. Die aktuelle Regelung ist schlicht und einfach zu wenig.

Wir von der grünliberalen Fraktion sind deshalb ganz klar für Eintreten auf die Vorlage. Das ist das absolute Minimum. Für uns ist aber auch klar: Diese erste Phase ist so wichtig, dass die Adoptionsentschädigung finanziell - wenn wir es jetzt [PAGE 1777] wirklich unbedingt finanziell anschauen wollen - eine Investition in die zukünftige Generation ist. Deshalb unterstützen wir die Rückweisung.

Für uns ist auch klar, dass wir hier wirklich von einer gesamtheitlichen Perspektive ausgehen müssen. Wir dürfen nicht nur einzelne Werte - was kostet es? - ins Zentrum stellen und den Rest irgendwie nebenher noch beachten. Eine Gesellschaft besteht aus mehr Werten. Mir ist klar: Geld kann man am besten in Zahlen ausdrücken und vergleichen. Es wäre aber tragisch, wenn wir es aufgrund dieser Einfachheit als das alles bestimmende Mass nähmen. Es gibt auch noch andere Werte.

Für uns ist deshalb auch klar, dass die Begrenzung auf ein Alter von bis vier Jahren nicht sinnig ist. Dieser Aufbau einer Beziehung, diese Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu entwickeln, eigene Meinungen im Diskurs zu suchen, auch mal Widerspruch zu akzeptieren - und als Kind muss man des Öfteren Niederlagen einstecken, auch das gehört zum Leben -, auch das will gelernt sein. Und für das sind diese ersten Wochen auch für Kinder, die älter als vier Jahre sind, matchentscheidend. Deshalb unterstützen wir dort die Minderheit Feri Yvonne ebenfalls.

Ganz analog dazu ist für uns auch klar - es wurde schon einmal gesagt -: Die Situation ist nicht identisch mit der Situation einer Mutter, die das Kind auf natürliche Weise bekommen hat. Es ist eine Adoption, es gibt leicht unterschiedliche Voraussetzungen. Deshalb kann man hier die Flexibilität voll ausspielen: Vater und Mutter sind hier wirklich in der gleichen Situation, was bei einer natürlichen Geburt rein biologisch gesehen nicht der Fall ist. Deshalb ist es auch sinnvoll, dass der Urlaub zu gleichen Teilen aufgeteilt werden kann. Es ist auch sinnvoll, den Eltern die Eigenverantwortung zu geben, selber entscheiden zu können, ob sie das tageweise oder wochenweise machen wollen. Entsprechend lehnen wir den Antrag der Minderheit Herzog Verena bei Artikel 16k ab.

Mit dieser Abstimmung zeigen wir eine Grundhaltung hier als Politiker gegenüber der Gesellschaft, gegenüber einer kommenden Generation und gegenüber denjenigen Erwachsenen, die bereit sind, eine kommende Generation auf ihr Leben vorzubereiten. Das ist die Sache, über die wir abstimmen. Wenn Sie mir jetzt sagen, das klingt ein bisschen pathetisch, was ich hier sage - diesen Vorwurf nehme ich als Kompliment. Für mich ist das ein zentrales Element, und zur Aussage, es gäbe wirklich Wichtigeres, muss ich ehrlich sagen: Es gibt verdammt wenig, das wirklich wichtiger ist als das.

Mäder Jörg · Nationalrat · 2020-09-23 | Lexipedia | Lexipedia