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Munz Martina · Nationalrat · 2021-03-10

Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-03-10

Wortprotokoll

Die Initiative schiesst mit ihren extremen Forderungen über das Ziel hinaus. Dennoch: Tierversuche lösen immer wieder emotionale Diskussionen in der Bevölkerung aus. Zu Recht! Viele Tierversuche verletzen unser ethisches Empfinden. Der Nutzen vieler Tierversuche ist zudem umstritten. Entweder ist die Aussage durch das Leiden der Tiere infrage gestellt, oder die Anzahl Tiere im Versuch ist so klein, dass die wissenschaftliche Evidenz nicht gegeben ist. Diese Versuche, und das sind nicht wenige, bringen für die Forschung keinen Nutzen.

Genau da müssen wir den Hebel ansetzen. Es braucht ethisch einwandfreie Tierversuche mit wissenschaftlicher Aussagekraft. Um diesen Anspruch zu erfüllen, muss die Schweiz einige Anpassungen am Gesetz vornehmen, dazu bietet die Initiative jetzt die Möglichkeit. Ich bitte Sie deshalb, das Geschäft an die Kommission zurückzuweisen.

Lassen Sie mich kurz skizzieren, wo die Schwachstellen im schweizerischen Tierversuchswesen liegen. Bei drei Punkten besteht Handlungsbedarf:

Der erste Punkt ist, dass die Tierversuche in Schweregrade eingeteilt sind. In Schweregrad 3 leiden die Tiere stark. Die Aussagekraft dieser Versuche ist klein. Für die Wissenschaft haben diese schwer belastenden Versuche deshalb keine Evidenz, und man kann ohne Verlust darauf verzichten. Sind sie trotzdem nötig, sollten sie einer schweizweit tätigen Versuchskommission unterstellt werden, die Abbruchkriterien transparent festlegt. Das ist heute nicht der Fall.

Der zweite Punkt ist die 3R-Forschung, worüber heute schon viel gesagt wurde. 3R steht für "replace, reduce, refine" bzw. für "vermeiden, vermindern, verbessern". Als Beispiel: Statt dermatologische Tests an Tieren durchzuführen, können aussagekräftigere Tests an Geweben gemacht werden, die vorher mit dem 3D-Drucker erzeugt worden sind. Mehr Nutzen ohne jegliches Tierleid! Der Bund hat ein 3R-Zentrum ins Leben gerufen, was erfreulich ist. Die finanziellen Mittel dafür sind aber zu gering und müssen aufgestockt werden. Zudem müssen die Methoden von der Wissenschaft anerkannt werden, damit sie auch genutzt werden.

Der dritte Punkt ist, dass die Tierschutzanforderungen in der Schweiz sehr hoch sind, das wurde heute gesagt. Wir nehmen deshalb selbstverständlich an, dass Labortiere auch von diesen Standards profitieren, doch da täuschen wir uns: Ein Landwirt muss Kaninchen in Gruppen halten und die Käfiggrösse beachten. Für die Pharmafirmen gelten diese Standards aus wirtschaftlichen Gründen nicht. Das ist störend! Labortiere von Konzernen sollen, soweit dies die Versuchsanordnung zulässt, nach gleichen Tierschutzstandards gehalten werden wie Heimtiere.

Würden diese drei Punkte, nämlich tierschutzkonforme Haltungsbedingungen, keine oder besser kontrollierte Versuche des Schweregrads 3 und möglichst viele Ersatzmethoden, beachtet, würden die emotionalen Bilder von leidenden Versuchstieren verschwinden, und die Kernanliegen der Bevölkerung wären damit erfüllt. Mit der Rückweisung des Geschäftes an die Kommission könnten wir heute einen Auftrag für ein ethisch vertretbares Tierversuchswesen erteilen, ohne die Forschung oder die Wissenschaft zu behindern.

Den direkten Gegenvorschlag bitte ich Sie zu unterstützen. Er verlangt einen schrittweisen Ausstieg aus der tierversuchsbasierten Forschung. Die Initiative ist dahingegen abzulehnen, sie ist zu extrem formuliert.