Lexipedia

Barrile Angelo · Nationalrat · 2021-05-05

Barrile Angelo · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-05-05

Wortprotokoll

Ich gebe zuerst meine Interessenbindungen bekannt: Ich besitze seit meiner Jugend einen Organspendeausweis - also mehr als die Hälfte meines Lebens -, und ich bin im Patronatskomitee der Initiative. Deshalb befürworte ich sowohl die Initiative als auch den[NB]Gegenvorschlag.

Die Tatsache, dass in der Schweiz im Moment ungefähr 1500 Menschen auf dieser Warteliste sind und von ihnen jährlich 50 bis 100 sterben, weil die Organe nicht rechtzeitig kommen, finde ich traurig - als Arzt, vor allem aber auch als Mensch. Sie zeigt, dass die bisherigen Bemühungen nicht zum Ziel geführt haben. Die Gegner und Gegnerinnen, die mehr Aufklärung und Kampagnen fordern, beachten nicht, dass das schon gemacht worden ist und dass es nicht zum Ziel führt. Ich nehme als Beispiel uns in diesem Saal, die 200 Nationalratsmitglieder. Wenn wir davon ausgehen, dass die Sensibilisierung für das Thema automatisch dazu führt, dass sich Mann oder Frau dazu äussert, sollten heute alle hier drin einen Ausweis auf sich tragen und darauf angekreuzt haben: "Ja, ich spende" oder "Nein, ich spende nicht". Tatsächlich wird es so sein, dass sich die meisten immer noch nicht dazu geäussert haben, obwohl wir darüber diskutieren. Deshalb müssen wir eine andere Lösung suchen und finden.

In den letzten Monaten gab es Momente, da war ich näher beim Tod als beim Leben, ich gebe es zu. Da musste ich mich gezwungenermassen mit dem Sinn des Lebens und auch mit der Frage auseinandersetzen: Was geschieht nach dem Tod? Ich habe meine persönlichen Antworten gefunden, aber ich habe auch nach wissenschaftlichen Antworten gesucht. Ich habe Literatur gelesen - spannenderweise sind sterbende Menschen, als sie gefragt wurden, zu denselben Zielen und Ergebnissen gekommen wie ich. Am Ende des Lebens sagen alle: "Jedes Leben ist gleich viel wert, meines, aber auch das der anderen, und wir müssen akzeptieren, dass jedes Leben irgendwann endet, ob wir es wollen oder nicht. Wir sind alle Teil eines grossen Ganzen. Selber sind wir zwar wichtig, aber nicht wichtiger als die anderen." Da haben wir manchmal die Tendenz, uns eher zu wichtig zu nehmen.

Spannend ist auch das Ziel jedes Sterbenden, dass nach dem Tod mehr Gutes als Schlechtes übrig bleiben soll. Vor allem spannend dabei ist, dass man am Schluss, wenn man wirklich dem Tod in die Augen sieht, sagt: "Jedes Leben ist da, um Leben zu erhalten; zuerst mein eigenes, und wenn ich nicht mehr da bin, dann andere Leben." Es gibt auch in [PAGE 850] der Tierwelt gewisse Individuen, die sich für das Leben von anderen opfern.

Die Mehrheit wäre bereit, Organe zu spenden, wenn man sie im letzten Moment fragte. Der aktuelle Zustand des Mangels an Spenderorganen widerspiegelt diese Bereitschaft nicht. Ja, die Gegnerinnen und Gegner haben recht damit, dass die Verfassung die Selbstbestimmung und die Unversehrtheit schützt, aber die Verfassung schützt auch die Gesundheit und das Leben derer, die noch leben. Es sind zwei Güter, die wir abwägen müssen und die beide von der Verfassung geschützt werden. Wir müssen entscheiden, welches wichtiger ist.

Ich entscheide mich für das Leben und stimme zweimal Ja.