Ryser Franziska · Nationalrat · 2021-06-01
Ryser Franziska · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2021-06-01
Wortprotokoll
Wer heute in einen Beruf einsteigen möchte, kommt selten an einem Praktikum vorbei. Immer häufiger sind aber die Fälle, in denen Praktikantinnen [PAGE 925] als günstige Arbeitskräfte ausgenutzt werden. Die Geschichte von Sandra ist nur eine von unzähligen in der Schweiz: Die junge Frau möchte eine Ausbildung als Fachfrau Betreuung (FaBe) machen. Doch lange sucht sie vergeblich nach einer Lehrstelle. Ihr wird gesagt, dass sie ohne Berufserfahrung keine Chance hätte, also bewirbt sie sich für ein Praktikum in einer Kinderbetreuungsstätte. Obwohl sie noch keine Ausbildung hat, ist sie dort für mehrere Kinder verantwortlich und hat die gleichen Aufgaben wie die ausgelernten Kita-Leiterinnen - nur ist der Lohn viel geringer. Als Sandra die Leiterin der Kita darauf anspricht, meint diese, sie habe halt noch keine Ausbildung. Nach einem Jahr will Sandra endlich die Lehre beginnen. Doch die Leiterin der Kita meint, sie würden erst im Folgejahr eine Lehrstelle anbieten; Sandra solle doch noch ein weiteres Jahr als Praktikantin bei ihnen bleiben.
Eine brancheninterne Umfrage von 2018 hat ergeben, dass ganze 84 Prozent der FaBe-Lehrlinge ein Praktikum von einem Jahr oder sogar länger absolvieren mussten, bevor sie ihre Ausbildung beginnen konnten, obwohl die Lehre als Fachperson Betreuung dies nicht voraussetzt. Statt ausgelernte Fachkräfte werden günstige Praktikantinnen eingesetzt. So werden Kosten auf dem Rücken der Jüngsten gespart.
Auch im Hochschulbereich sind Praktika vor, während und nach dem Studium heute zum Standard geworden. Gut ausgebildete Fachkräfte mit einem Masterabschluss finden keine Stelle, wenn sie nicht ein, zwei oder sogar drei Praktika absolviert haben. Ein Jahr nach dem Hochschulstudium arbeitet fast die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen in einer befristeten Anstellung. Typischerweise ist es ein Praktikum ohne garantierte Option auf eine anschliessende Festanstellung und zu einem Lohn, der tiefer ist als irgendein 40-Prozent-"Studi"-Job abends in einer Bar. Die Tendenz nimmt zu: Zwischen 2007 und 2014 stieg die Zahl der Hochschulpraktika um etwa 40 Prozent. Immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte fallen in die Praktikumsfalle. Auch die vom Bundesrat immer wieder zitierte Befragung von Hochschulabsolventinnen und -absolventen kann dies nicht entkräften, denn da wird nur die Arbeitssituation fünf Jahre nach dem Studienabschluss erfasst. Über die Zeit dazwischen gibt die Befragung keine Auskunft.
Die Situation ist äusserst unbefriedigend. Praktika sind gesetzliche Schlupflöcher, und sie werden oftmals für Lohndumping genutzt. Das gab immer wieder Anlass zu Vorstössen aus verschiedenen Kreisen, von der SP- bis hin zur SVP-Fraktion. Der Bundesrat hat alle Vorstösse mit der Begründung abgewiesen, es gebe kein Problem mit prekären Arbeitsverhältnissen beim Berufseinstieg. Die Erfahrung lehrt uns aber etwas anderes. In der Schweiz steigt die Zahl befristeter Arbeitsverträge insbesondere bei Jugendlichen an. Knapp jede Vierte der 15- bis 24-Jährigen befindet sich in einem befristeten Arbeitsverhältnis, 40 Prozent davon in einem Praktikum.
Es fehlen die Rahmenbedingungen, die festlegen, zu welchen Konditionen, für welche Dauer und zu welchem Ausbildungszweck ein Praktikum angemessen ist. Es fehlt ein Konsens darüber, wann Praktika einen sinnvollen Beitrag zur Ausbildung und einen hilfreichen Einstieg in den Berufsalltag bilden und wann Praktikanten und Praktikantinnen schlicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Mit diesem Postulat, dessen ursprünglicher Text von Vertreterinnen und Vertretern aller Fraktionen unterzeichnet wurde, soll der Bundesrat den Auftrag erhalten, einen Bericht zur Praktikumssituation in der Schweiz zu verfassen.
Ich danke Ihnen, wenn Sie dieses Postulat unterstützen und damit helfen, jungen Menschen einen guten Berufseinstieg zu ermöglichen.