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Müller-Altermatt Stefan · Nationalrat · 2021-06-16

Müller-Altermatt Stefan · Nationalrat · Solothurn · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2021-06-16

Wortprotokoll

Ich hatte eigentlich dem Präsidenten angeboten, auf mein Votum zu verzichten, damit wir mehrere Vorstösse hätten behandeln können. Der Präsident stieg nicht darauf ein und wollte nur diesen einen Vorstoss behandeln. Deshalb erlaube ich mir jetzt halt doch, ein paar Worte zu den Nachtzügen zu sagen und sie vielleicht bei dieser Gelegenheit gleich in den Kontext der Klimapolitik zu stellen.

Ich habe diesen Vorstoss von Kollege Ammann nicht nur übernommen, weil er von ihm kommt - das wäre Grund genug gewesen -, ich habe ihn auch übernommen, weil er ein persönliches Anliegen von mir betrifft. Ich bin mit meiner Familie bisher etwa 25-mal mit dem Nachtzug verreist: Die Familie Müller-Altermatt verlässt die Schweiz eigentlich nur mit dem Nachtzug. Ich kann Ihnen also aus Erfahrung über die Vorteile des Nachtzugreisens berichten.

Der Nachtzug ist familienfreundlich, er ist die klimafreundliche Familienalternative beim Reisen. Man bucht ein Abteil, man geht am Abend nach dem Feierabend auf den Zug und ist am nächsten Morgen schon am Ort. Man gewinnt einen Ferientag oder, wenn man Geschäftsreisender ist, Arbeitszeit am Morgen. Es ist also zeiteffizient.

Daneben ist es bezahlbar. Wir haben jetzt oft gehört, der Klimaschutz koste etwas für die Familien. Nachtzugreisen - das kann ich aus einer Zeit berichten, als mein Portemonnaie ganz schmal war! - ist die familienfreundliche, bezahlbare Alternative. Und der Nachtzug benutzt die Infrastruktur dann, wenn sie sonst nicht benutzt wird: Er fährt in der Nacht. Nachtzugreisende schonen also die Infrastruktur.

Das Problem ist aber, dass der Betreiber des Nachtzugs die Trasse genau gleich bezahlt, auch wenn sie natürlich in der Nacht günstiger ist. Aber er bezahlt die Trasse, und er bezahlt sie, obwohl er den Platz im Zug nur einmal besetzen kann. In einem normalen Zug wird ein Platz immer wieder gefüllt, im Nachtzug aber nur einmal. Deshalb rentiert das Ding so schlecht, deshalb ist der Deckungsgrad so tief, und deshalb ist die Wettbewerbsfähigkeit nicht gegeben. Das wäre ein erster Ansatzpunkt, über den man reden müsste - aber man müsste einmal länderübergreifend darüber reden. Bis zu diesem Reden hat man noch nicht einmal Geld in die Hand genommen.

Neben den positiven Erfahrungen kann ich aber auch über negative berichten. Das Personal in den Nachtzügen hat in der Regel keine Ahnung von gar nichts. Gut, als wir einmal nach Ljubljana fuhren, war der Schaffner schon in Buchs im Kanton St. Gallen dermassen "hackedicht", dass wir den Zug alleine auf den Balkan bringen mussten. Das war aber eher ein persönliches Verschulden. Es ist aber auch sonst so, dass das in der Slowakei und in Ungarn rekrutierte Personal schlecht, äusserst schlecht ausgebildet ist.

Das älteste Rollmaterial der Züge im Nachtzugverkehr stammt aus dem Jahr 1962. Das hat Zeiten gesehen, da war [PAGE 1381] ich selber noch lange nicht auf der Welt - und mittlerweile fahre ich mit fünf Kindern im Nachtzug!

Die Werbung verspricht, die Buchung übers Internet sei super einfach. Das mag ja stimmen, aber wenn man ein, zwei oder vielleicht sogar fünf Kinder hat und diese nicht über den ganzen Zug verstreuen will, ist man chancenlos, das auch nur im Ansatz und in Kürze irgendwie hinzukriegen.

Die Nachtzüge könnten mit wenig, mit ganz wenig sehr viel attraktiver gemacht werden. Dazu braucht es kein Geld, es braucht lediglich eine Übersicht über das, was nötig wäre, um die Situation sinnvoll verbessern zu können. Liegt diese Übersicht im Rahmen des Postulatsberichtes einmal vor, kann man das Ganze mit wenig Geld, das dann halt aus dem bestehenden CO2-Gesetz kommt, noch fördern.

In den letzten Wochen haben wir immer wieder gehört, der ganze Klimaschutz sei teuer, man müsse zu anderen Massnahmen greifen, man brauche liberalere Instrumente und nicht den Vorschlaghammer. Das, was ich Ihnen hier vorschlage, ist nicht der Vorschlaghammer! Es ist ganz einfach eine Evaluation dessen, was es braucht, um wirklich gute Massnahmen ergreifen zu können. Sollte der Bekämpfer dieses Postulates nun auch das nicht wollen, dann frage ich mich wirklich, was auf der rechten Seite überhaupt noch Klimaschutz sein soll, wie der Klimaschutz letztlich überhaupt aussehen soll, was man noch machen können soll, ohne dass es rechts missfällt!