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Glättli Balthasar · Nationalrat · 2021-12-14

Glättli Balthasar · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2021-12-14

Wortprotokoll

Beim Essen soll man nicht reden. Das haben Sie als Kind auch immer wieder gehört - ein Unsinn, meiner Meinung nach. Wahr aber ist: Beim Essen will man nicht reden - nicht reden über die Massentierhaltung. Wer ein M-Budget-Schnitzel oder ein Prix-Garantie-Poulet isst, spricht nicht gerne über die Bedingungen, unter denen dieses Stück Fleisch produziert worden ist - aus gutem Grund, es verdirbt den Appetit.

Massentierhaltung funktioniert eigentlich nur über Verdrängung. Wir verdrängen, dass Massentierhaltung Würde und Wohl unserer Nutztiere verletzt. Wir verdrängen, dass Massentierhaltung gegen unser ureigenes ethisches Empfinden verstösst und so im Grunde auch unmenschlich ist. Wir verdrängen, um es mit den Worten der Agronomin Anet Spengler Neff zu sagen, eines der grössten Übel der Zivilisation. Ich betone: Es geht um die Massentierhaltung. Es geht bei der Massentierhaltungs-Initiative nicht um ein Verbot der bäuerlichen Tierhaltung an sich. Diese gehört zu einem Grasland wie der Schweiz. Milch- und Viehwirtschaft, über Jahrhunderte Existenzgrundlage zumindest der voralpinen und alpinen Gebiete, sollen auch in Zukunft ein prägendes Element unserer ländlichen Kulturlandschaften sein.

Heute aber macht die Massentierhaltung im industriellen Stil aus der Schweiz ein Land der Futtermittelimporte, ein Land, das pro Jahr 1,4 Millionen Tonnen Futtermittel importiert, darunter über 100[NB]000 Tonnen Soja aus Brasilien. Wir fressen buchstäblich massiv über den Zaun. Wegen der Massentierhaltung überdüngen wir die eigenen Böden und Gewässer zulasten von Gesundheit und Biodiversität, und wegen der Massentierhaltung trägt die Landwirtschaft massiv zum viel zu hohen Ausstoss von Treibhausgasen bei.

Wir Grünen wollen nicht, dass die Schweiz ein Land bleibt, in dem fast die Hälfte der Masthühner in industriellen Betrieben mit über 12[NB]000 Tieren lebt. Wir Grünen wollen nicht, dass die Schweiz ein Land der Qualzucht bleibt, in dem 4 Prozent der ausschliesslich auf maximale Fleischproduktion gezüchteten Mastküken schon vor der Schlachtung verenden und in dem wegen der Eierproduktion die männlichen Küken zu Biogas verarbeitet werden.

Wir wollen als Grüne nicht, dass die Schweiz ein Land bleibt, das so intelligenten und sensiblen Tieren wie Schweinen nur 0,9 Quadratmeter zum Leben zugesteht, oft in kahlen Betonbuchten ohne Tageslicht und ohne frische Luft. Wir wollen als Grüne nicht, dass die Schweiz ein Land bleibt, das die Würde und das Wohlergehen hochentwickelter Tiere offenkundig und eklatant verletzt. Fressen wir nicht so dreist über den Zaun, und dies auf Kosten der kommenden Generationen! Hören wir auf, von Schweizer Fleisch zu sprechen, wenn es in Tat und Wahrheit auf Futtermittelimporten beruht! Stoppen wir den Etikettenschwindel einer idyllischen Landwirtschaft! Die PR-Kampagnen der Grossverteiler und der Agrarlobby zeigen ein Huhn, das am Schluss sein frisches Ei noch selbstständig im Laden legt, blenden aber die wahnwitzige Zahl von 70 Millionen Masthühnern aus, die wir jährlich schlachten.

Ja, Sie haben mit verschiedenen Voten recht. Die Tierschutzbestimmungen sind andernorts noch schwächer, zum Teil deutlich schwächer. Darum regelt die Initiative konsequenterweise auch den Import. Aber nur, dass es andernorts viel schlimmer ist, macht uns in der Schweiz noch lange nicht zum leuchtenden Vorbild in Sachen Tierschutz. Hören wir auf, die Realität der Massentierhaltung zu verdrängen, und schaffen wir stattdessen eine neue Realität ohne Massentierhaltung, eine Realität, die dem Grasland Schweiz wirklich entspricht, eine Realität, wie sie heute, das möchte ich betonen, viele Bäuerinnen und Bauern schon leben. Danke dafür! Sie haben auch nichts zu befürchten. Schaffen wir eine Realität, in der wir beim Essen wieder übers Essen sprechen können, ohne dass uns der Appetit vergeht.

Sagen wir entschieden Ja zur Initiative für ein Verbot der Massentierhaltung!