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Locher Benguerel Sandra · Nationalrat · 2022-03-03

Locher Benguerel Sandra · Nationalrat · Graubünden · Sozialdemokratische Fraktion · 2022-03-03

Wortprotokoll

Am Beispiel des Morteratsch-Gletschers, welchen ich als Berggängerin regelmässig beobachte, möchte ich Ihnen aufzeigen, wie dringlich die Gletscher-Initiative ist: Der Morteratsch-Gletscher wird immer kürzer und das Steinfeld davor immer länger. Konkret: In den letzten 30 Jahren ist der Gletscher um einen Kilometer zurückgegangen, davon rund 300 Meter in den letzten fünf Jahren! Zudem hält er einen Negativrekord: Seine Zunge hat sich 2003 in einem einzigen Sommer um 76 Meter zurückgezogen. Was die Wissenschaft feststellt, spielt sich längst direkt vor unseren Augen ab.

Welche Auswirkungen hat die Klimaerhitzung konkret für das Alpengebiet? Das Verschwinden der Gletscher ist ein Weckruf und die augenfälligste Folge der Erderwärmung. Bis zum Jahr 2050 wird die Gletscherfläche in den Alpen im Vergleich zur Referenzperiode 1971-1990 vermutlich um rund drei Viertel abnehmen. Dabei geht auch ein Mythos zu Ende, das Gesicht der Alpen wird nie mehr dasselbe sein.

Die Folgen des Gletscherrückgangs sind fatal. Gletscher speichern Wasser. Ohne Gletscher droht in der Zeit der Schneeschmelze Hochwasser. Das Schmelzen der Gletscher hat grosse Auswirkungen auf die Wassernutzung, insbesondere für die Stromproduktion und die Landwirtschaft.

Da die Temperaturen in den Alpen rund doppelt so stark ansteigen wie im globalen Durchschnitt, wurde in den Alpen die 2-Grad-Grenze bereits erreicht. Dies bedeutet, dass sich für die Bewohnerinnen und Bewohner des Alpenraums der Klimawandel und seine direkten Auswirkungen in die Lebens- und Wirtschaftsweise einbetten, und es besteht ein erhöhtes Risiko für Naturkatastrophen. Zahlreiche Infrastrukturen sind in den alpinen Regionen auf Permafrostböden gebaut. Durch ihr rasantes Auftauen nimmt die Stabilität des Gesteins ab. Dadurch steigt die Gefahr von Felsstürzen und Murgängen wie jenem im August 2017 in Bondo. Tourismusregionen bangen um Pisten und Bergpfade.

Der Klimawandel bedroht auch die aussergewöhnliche Artenvielfalt in den Alpen. Jedes Grad Temperaturerhöhung hat Folgen für die Biodiversität und die stark an ihren extremen Lebensraum angepassten Alpenpflanzen. Zudem ist es der Fichte zu warm, was wiederum die Funktion der Schutzwälder beeinträchtigt.

Das zeigt, es geht heute um viel mehr als "nur" um die Gletscher, es geht um unsere Nahrungsmittelproduktion, die Gesellschaft, die Artenvielfalt - kurz, um unsere Lebensgrundlagen. Deshalb hat die Schweiz als besonders betroffenes Alpengebiet ein ureigenes Interesse daran, die Klimaerhitzung zu begrenzen.

Es braucht jedoch keine Ausnahmen für die Berg- und Randregionen, wie es der Bundesrat in Absatz 4 des direkten Gegenentwurfes vorschlägt. Diese Gebiete brauchen - wie im Einzelantrag Pult vorgeschlagen - eine besondere Unterstützung, damit sie den Übergang zu einer Gesellschaft ohne fossile Brenn- und Treibstoffe zeitgleich wie die gesamte Schweiz sozial verträglich schaffen können.

Gemäss geltendem CO2-Gesetz hätte die Schweiz ihren Treibhausgasausstoss bis 2020 um 20 Prozent senken müssen. Dieses Ziel wurde weit verfehlt. Nun müssen wir mit Hochdruck die nächste Etappe vorantreiben, nämlich die Halbierung der Emissionen bis 2030, dazu läuft im Moment die Vernehmlassung. Als Fernziel zeigt die Gletscher-Initiative auf, wie das Netto-null-Ziel bis 2050 erreicht werden kann, nicht mehr und nicht weniger.

Ich bitte Sie, der Gletscher-Initiative sowie den beiden Einzelanträgen Romano und Pult zuzustimmen.