Mettler Melanie · Nationalrat · 2022-03-03
Mettler Melanie · Nationalrat · Bern · Grünliberale Fraktion · 2022-03-03
Wortprotokoll
Seit Jahrzehnten wissen wir, dass der internationale Verteilkampf um endliche Ressourcen unseren Wohlstand gefährdet. Wir wissen, dass der Klimawandel die Lebensgrundlage unserer Kinder und Enkelkinder komplett umwälzen wird. Viele Pflanzen und Baumsorten in der Schweiz können im neuen Klima nicht überleben. Auch unsere Kulturpflanzen, die Ernährungsgrundlagen, verdorren nun in unseren Breitengraden, und man muss mit neuen Sorten zu üben beginnen. Wir wissen, dass die [PAGE 134] Selbstheilungskräfte des Planeten endlich sind, und wir wissen, dass die Grenzen der planetaren Stabilität in Kürze erreicht sind.
Der Mensch verändert sich nur unter Druck. Die Weltgemeinschaft hat sich im Pariser Abkommen verpflichtet, alles dafür zu tun, unsere Kinder und Grosskinder vor diesem Kipppunkt der Stabilität zu bewahren. Denn eines wissen wir: Auf den Kipppunkt folgt das Chaos - und wir sind verantwortlich. Vor wenigen Tagen erschien der neueste Bericht des Weltklimarates zu den Auswirkungen des Klimawandels, und er bestätigte erneut, dass der Klimawandel eine Realität ist und seine Folgen bereits heute spürbar sind. Sie werden sich von Jahr zu Jahr verstärken, je mehr die globale Temperatur ansteigt. Viele Auswirkungen des Klimawandels können nicht rückgängig gemacht werden. Wir werden die Auswirkungen erleben müssen.
Die Verantwortung, mehr Ordnung in dieses Chaos zu bringen, können wir wahrnehmen. Insbesondere in der Schweiz beanspruchen wir die endlichen Ressourcen in höchstem Mass. Die Schweiz hat aber eben auch die wirtschaftliche Innovationskraft und Handlungsfähigkeit, hier einen wichtigen Beitrag zu leisten, ohne den Wohlstand zu opfern. Im Gegenteil: Investitionen in Transformation sind eine echte Chance für die Schweiz. Ein früher Ausstieg ist eine Chance für den Wirtschaftsstandort Schweiz, wenn unsere Akteure früh in neue Technologien investieren und nachhaltige Arbeitsplätze schaffen, welche auch nach der Energiewende Bestand haben werden. Wenn wir zu lange zuwarten, nicht lenken und fördern, werden wir mit der Situation konfrontiert sein, dass wir sehr rasch und abrupt aus den fossilen Energieträgern werden aussteigen müssen, was wesentlich höhere volkswirtschaftliche Kosten verursachen wird.
Je später die Politik handelt, desto geringer wird unser Wirtschaftswachstum sein, desto höher werden die Kosten für die Eindämmung der Auswirkungen des Klimawandels sein. Es wird also gerade das Gegenteil dessen eintreten, was jene, die zaudern, zögern und zuwarten wollen, eigentlich wollen: Ohne Handlungsspielraum in ständigem Kampf um die endlichen Ressourcen, im Chaos völlig umgewälzter klimatischer Bedingungen gibt es eben kein gutes Wirtschaften. Nur wenn wir jetzt politisch handeln und schrittweise, bis spätestens 2050, aus den fossilen Energieträgern aussteigen - eine zentrale Forderung der Gletscher-Initiative -, ist es möglich, das globale Temperaturziel zu erreichen und gleichzeitig weiterhin Wohlstand sicherzustellen. Es ist billiger, jetzt den Planeten zu schützen, als ihn später mehr schlecht als recht reparieren zu müssen.
Im Lichte der aktuellen geopolitischen Krise wird zudem immer deutlicher, wie problematisch unsere hohe Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland ist. 47 Prozent unserer Erdgasimporte stammen aus Russland. Wir schaden also so nicht nur der Umwelt, sondern machen uns abhängig von sehr unberechenbaren Partnern. Wollen wir das wirklich? Sollen wir nicht stattdessen in Energieeffizienz investieren, in Stromproduktion in der Schweiz aus erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind, Wasser, um nicht aus Ländern wie Russland Energie importieren zu müssen?
Der Klimawandel ist ein globales Problem. Die Lösung zum Problem muss global angedacht, aber lokal umgesetzt werden. Das Pariser Klimaübereinkommen und die UN-Klimakonferenz in Glasgow haben gezeigt: Der politische Wille, globale Lösungen gegen den Klimawandel zu finden, besteht. Die Schweiz muss nun aber wie alle anderen Staaten auch Wort halten und ihren Beitrag leisten, muss zusammen mit den Kantonen, den Gemeinden und der Bevölkerung konkrete Massnahmen vor Ort umsetzen. Es ist noch möglich, das Ruder herumzureissen und die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen, wenn wir jetzt entschlossen handeln. Wir haben es in der Hand, mit welchen Auswirkungen des Klimawandels die nächsten Generationen werden leben müssen.