Schaffner Barbara · Nationalrat · 2022-03-03
Schaffner Barbara · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2022-03-03
Wortprotokoll
Die Gletscher schmelzen, und es wird wärmer. Es wird nässer, aber es wird auch trockener. Die Folgen des Klimawandels äussern sich unterschiedlich, aber gehen mit immer extremeren und ungewohnteren Wettersituationen einher.
Wenn meine Hühner ihre winterliche Pause im Eierlegen schon vor Silvester beenden oder wenn ich im Frühling Laub rechen muss, da die Kiwiblätter schon voll ausgebildet waren, als der Frost hereinbrach und sie absterben liess, dann sind das Anekdoten, die ich erzählen kann. Wenn ein Bauer das Wasser für die Kühe im Sommer mit dem Heli auf die Alp einfliegen muss, wenn er seine Rebberge Nacht für Nacht mit Frostkerzen heizen muss, dann regt das schon mehr zum Nachdenken an und kann ein grosses Loch in die Kassen des Betriebs reissen. Wenn ganze Inselstaaten dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen, wenn sich grüne Oasen in Wüsten verwandeln, dann bedroht das das Leben der Menschen vor Ort. Es raubt ihnen die Lebensgrundlage und treibt sie in die Flucht. Wir erleben das als Migration, die von den gleichen Leuten bekämpft wird, die sich gegen Klimaschutzmassnahmen stellen.
Der Klimawandel betrifft nicht nur die Gletscher und unsere Landschaft, sondern uns alle, seien wir nun direkt oder indirekt betroffen. Unsere Generation wird es wohl kaum erleben, dass die globalen Durchschnittstemperaturen wieder sinken und die Extremwetterereignisse zurückgehen, selbst dann nicht, wenn wir als Schweiz oder sogar wir als Weltbevölkerung es schaffen, bis 2040 oder 2050 keine Treibhausgase mehr auszustossen. CO2 als wichtigstes Treibhausgas baut sich nämlich nur sehr langsam ab und wird noch lange in der Atmosphäre bleiben und das Klima aufheizen. Alles, was wir heute zu viel emittieren, belastet unsere Kinder und Enkel, und es belastet heute und in der Zukunft jene Weltregionen, die bisher noch fast kein oder viel weniger CO2 als wir emittiert haben.
Es ist also höchste Zeit, dass wir in der Schweiz dazu beitragen, unsere eigenen Emissionen auf ein Mass zu senken, das den Klimawandel nicht noch mehr anheizt. Ja, wir müssen sogar noch weiter gehen und noch vor Mitte des Jahrhunderts damit beginnen, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu holen. Je weniger wir emittieren, desto weniger CO2 werden wir unter hohen, unter sehr hohen Kosten wieder zurückholen müssen. Alle Anstrengungen, die wir jetzt unternehmen, um Treibhausgase zu vermeiden, kommen uns in zehn, zwanzig Jahren mehrfach zugute.
Es ist also sowohl aus Sicht des Klimas wie auch aus Sicht der Wirtschaft wichtig, dass wir einen raschen Absenkpfad definieren, einen Absenkpfad, dessen Umsetzung mindestens linear oder, was eigentlich besser wäre, noch schneller erfolgt. Alles andere ist Augenwischerei zulasten der nachfolgenden Generationen. Alles andere zementiert das krachende Scheitern der bisherigen fossilen Energiepolitik. Was die Herren Imark und Egger Mike immer wieder als linke[NB]Energiepolitik geisseln, hat nämlich noch gar nicht stattgefunden.
Was Sie als linke Energiepolitik bezeichnen, sollten wir raschestmöglich umsetzen. Ich bezeichne es als Eigenversorgung mit Strom, als Eigenversorgung mit Wärme, ja sogar als Eigenversorgung mit Treibstoff, wenn Sie an Biogas oder synthetische Gase denken. Ich bezeichne es als sparsamen Umgang mit unseren Ressourcen, kurz als Energiesicherheit. Das sollte Ihnen und uns allen genauso am Herzen liegen wie die Ernährungssicherheit und die Sicherheit der Grenzen.
Deshalb sollten Sie und alle hier Ja zur Gletscher-Initiative sagen.