Graf Maya · Ständerat · 2022-09-21
Graf Maya · Ständerat · Basel-Landschaft · Grüne Fraktion · 2022-09-21
Wortprotokoll
Ich möchte in dieser Debatte gerne auf zwei Punkte zurückkommen. Den ersten Punkt hat Kollege Rieder mit der Weltsituation angesprochen, vor allem auch mit dem Hunger auf der Welt, der uns sehr grosse Sorgen bereitet. Hier möchte ich gerne den Input anbringen, dass natürlich Hunger und Armut ganz viele verschiedene Ursachen haben.
Wenn wir nun bei der Landwirtschaft und Ernährung bleiben, dann hat schon 2008 der Weltagrarbericht der UNO und der Weltbank klar das Versagen einer globalisierten Agrarindustrie mit langen Lieferketten, Monokulturen, Pestiziden und Massentierhaltung bei akuten Engpässen aufgezeigt. Der Ausfall der Getreidelieferungen, wie wir ihn heute erleben, und die Preissteigerungen sind jetzt nur die jüngsten Eskalationen einer Entwicklung, die unsere Ernährungssouveränität betrifft bzw. die Ernährungssouveränität sehr vieler Länder bedroht.
Ernteausfälle, Verlust der Artenvielfalt, Erosion der Böden - das sind drängende Probleme und Folgen des Klimawandels. Dazu leistet die industrielle Agrarwirtschaft, wie wir sie in den letzten fünfzig Jahren ad absurdum geführt haben, einen riesigen Beitrag, und die Menschen in den armen Ländern sind dadurch noch mehr betroffen. Es gab nicht weniger, sondern mehr Hunger, das ist ja das Absurde, obwohl wir heute weltweit doppelt so viele Kalorien produzieren, wie der Mensch benötigt: 4600 Kalorien Nahrung pro Person und Tag. Diese sind falsch verteilt. Während wir Überfluss haben, gibt es an anderen Orten zu wenig Nahrung. Die Abhängigkeiten steigen, die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab, und wir wissen, dass [PAGE 823] der Boden dort auch durch den Klimawandel von Trockenheit betroffen ist.
Deshalb setzen alle relevanten Akteure - von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen bis zu unserem Schweizer Bundesrat; er wird das dann hoffentlich noch ausführen - auf Forschung und Investitionen in die Agrarökologie, die nämlich beides verbindet: Lebensmittelproduktion und Erhalt der Substanz dieser Produktion, nämlich unserer Lebensgrundlagen. Wir können kein Essen produzieren, wenn wir keinen Boden mehr haben, der fruchtbar ist. Wir können kein Essen produzieren, wenn es infolge des Klimawandels Hitzesommer, Überschwemmungen oder eben katastrophale Ereignisse gibt, wie gerade in Pakistan, wo den Bauern ihre Hütten und Felder davontreiben.
Damit komme ich auf die Schweiz zurück und sage zuerst noch ein Wort zu Europa. Europa ist und bleibt der[NB]zweitgrösste Weizenexporteur der Welt. Das hat sich nicht verändert, und Kollege Knecht kann sicher bestätigen, dass die Weizenernte dieses Jahr zum Glück gut war. Der Winterweizen wird jetzt ausgesät, und die Bedingungen sind gut. Es besteht keine Not, in Europa schon gar nicht. Das betrifft auch den Export von Weizen, der in anderen Ländern dringend benötigt wird.
Nun noch kurz ein Wort zu unserer Land- und Ernährungswirtschaft und zu den vorliegenden Motionen. Folgendes ist das Wichtigste, und das müssen wir beachten: Den Selbstversorgungsgrad in der Schweiz können wir erhöhen, indem wir die Lebensmittelverschwendung um zwei Drittel reduzieren und weniger Schweine- und Geflügelfleisch konsumieren. So könnte ein Selbstversorgungsgrad erreicht werden, welcher um bis zu 10 Prozent, im Notfall um bis zu 15 Prozent höher liegt als heute. Diese Informationen finden Sie unter anderem in Antworten des Bundesrates auf Interpellationen, einschliesslich seiner Antwort auf meine Interpellation 22.3360, "Ukraine-Krieg. Versorgungssicherheit durch nachhaltige Lebensmittelproduktion". In seiner Antwort vom 18. Mai 2022 auf diese Interpellation führt der Bundesrat das alles genau aus.
Wir haben also dort Möglichkeiten, unseren Selbstversorgungsgrad zu steigern, und zwar mit Massnahmen, die sich neutral auf das Ökosystem auswirken oder dieses sogar fördern. Wir können mehr Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte direkt auf den Tisch bringen, das hat auch Kollege Noser gesagt, und das sollten wir tun. Denn heute haben wir auf[NB]43[NB]Prozent unserer Ackerfläche Futtergetreide. Wir können dort umstellen. Wir könnten dort auch relativ rasch umstellen, wenn es wirklich nötig wäre und es einen Engpass gäbe.
Nun aber den Selbstversorgungsgrad der Schweiz auf Kosten der Biodiversität zu erhöhen, ist eine denkbar schlechte Lösung, weil uns das nämlich teuer zu stehen kommt - gut, vielleicht nicht uns, aber unsere Kinder ganz sicher. Mit intensiver Produktion schädigen wir nämlich unsere Lebensgrundlagen und machen uns erst recht abhängig vom Ausland, vor allem bei der Energie, beim Dünger und bei den Pestiziden. Dort steigen nicht nur die Preise, auch unsere Abhängigkeit steigt. Ein intaktes Ökosystem erbringt zahlreiche Leistungen, die wir brauchen, um gesunde Nahrungsmittel zu produzieren und langfristig unsere Böden zu erhalten. Belebte Böden speichern Wasser und Nährstoffe, und das ist entscheidend, beispielsweise auch angesichts der Trockenheit in diesem Sommer. Auch Starkregen nehmen ertragreiche Böden besser auf, und sie können sogar CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Wir brauchen das also, um die Folgen der Klima-, der Biodiversitäts- und der Energiekrise abzufedern. Wir wollen diese Krisen nicht noch durch falsche Entscheide anfeuern.
Wir brauchen also beides: eine nachhaltige Lebensmittelproduktion - dort, wo wir gut sind, können wir das selbst machen - und mehr Umwelt- und Biodiversitätsleistungen. Dort müssen wir unsere Landwirtschaft, unsere Bauernfamilien mehr unterstützen, da bin ich immer mit Ihnen einverstanden. Aber wir müssen die richtigen Instrumente finden. Damit ich das auch gesagt habe: Es fängt selbstverständlich mit dem Konsum an. Alle in der Schweiz, jede und jeder, können mit dem Konsumverhalten und mit weniger Lebensmittelverschwendung einen wichtigen Beitrag leisten.
Ich möchte Sie in diesem Sinne - auch wenn meine Ausführungen jetzt etwas länger geworden sind, aber es war mir ein Anliegen - bitten, jetzt die Agrarpolitik 2022 plus und die dringend nötigen Anpassungen, die wir brauchen, um diesen Weg weiterzugehen, nicht wieder hinauszuzögern. Ich bitte Sie, die WAK-S die Arbeit machen zu lassen und jetzt nicht mit diesen Motionen noch mehr Aufträge an den Bundesrat zu geben. Die Anliegen sind deponiert, wir und der Bundesrat kennen sie. Auch ich bin bereit, mit Ihnen darüber zu diskutieren, aber machen wir uns an die Arbeit und präsentieren dann hier eine Vorlage, damit wir die richtigen Schritte in der richtigen Zeit tun können, um miteinander die verschiedenen Krisen nicht noch zu verschlimmern.