Mäder Jörg · Nationalrat · 2023-05-03
Mäder Jörg · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2023-05-03
Wortprotokoll
"Des einen Müll ist des anderen Schatz", lautet ein durchaus bekanntes Sprichwort. Was der eine achtlos wegwirft oder in diesem Fall wegspült, ist für den anderen ein wertvoller Rohstoff. Dank modernster biologischer Analysetechnik ist es unterdessen möglich, aus Abwasser wertvolle Informationen zu Krankheitserregern zu gewinnen. Der englische Fachbegriff lautet[NB]"Wastewater-based epidemiology". Die Technik wurde während der Corona-Krise in verschiedenen Ländern eingesetzt. Eine Kommissionsmehrheit möchte, dass der Bundesrat im Rahmen der Revision des Epidemiengesetzes prüft, ob und wie man mit dieser Methodik die Abwasseruntersuchungen auf Sars-CoV-2 und andere Krankheitserreger ausweiten könnte. [PAGE 840]
Die Vorteile sind bestechend, und ich meine das nicht im olfaktorischen Sinn. Bei vielen Studien und Analysen ist die Datenerhebung der schwierigste Teil, nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch, insbesondere wenn es darum geht, genügend Teilnehmer zu rekrutieren. Stellen Sie sich vor, wie viel Aufwand nötig wäre, um von 10[NB]000 Menschen eine Urinprobe zu erhalten. Viele würden das zudem als einen unnötigen Eingriff in ihre Privatsphäre werten. Mit dem Ansatz, Abwasser in Kläranlagen zu beproben, ist das geradezu einfach. Die bestehende Infrastruktur der Abwasserleitungen liefert den Rohstoff sauber gemischt direkt an die zentrale Sammelstelle, sodass auch niemand befürchten muss, man könne ihn als Einzelperson identifizieren. Mit Entnahmestellen an ein paar Dutzend Anlagen kommt man so schnell auf Proben von Millionen von Personen, und das mit einem überschaubaren Aufwand, technisch wie finanziell. Jede andere Erhebungsmethode wäre ungleich teurer, aufwendiger und invasiver.
Welche Erreger man genau bestimmen kann, hängt natürlich von deren Biologie ab und nicht unbedingt davon, wie interessant sie für uns Menschen sind; dem ist leider so. Nichtsdestotrotz wird der Gewinn an Informationen enorm sein. Es sind Informationen, die wir gut für ein vorsorgliches Monitoring verschiedener Krankheiten, die kontinuierliche Beobachtung laufender Pandemien, die Detektion von Antibiotikaresistenzen, die Messung von Verunreinigungen, zur Sequenzierung und zu anderen Zwecken nutzen können. Aber auch die Forschung an sich - im Speziellen die Eawag, das Wasserforschungsinstitut der ETH - hat grosses Interesse, weiterhin eng mit dem BAG in der Fortführung und Weiterentwicklung des Abwassermonitorings und der Sequenzierung von Krankheitserregern in der Schweiz zusammenzuarbeiten, wie mir persönlich versichert wurde.
Die Kommissionsminderheit ihrerseits sieht kein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis, insbesondere, da der konkrete Nutzen nicht erkennbar sei und auch unklar sei, was man genau im Abwasser suche. Sie ist daher gegen eine generelle Ausweitung, wie sie im Vorstoss gefordert wird.
Die Kommission beantragt Ihnen mit 18 zu 7 Stimmen die Annahme des Postulates. Der Bundesrat empfiehlt ebenfalls die Annahme.