preparatory:AB 324855
Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-09-13
Wortprotokoll
Stellen Sie sich vor, es ist ein kalter Wintertag, es hat frische Luft, die Sonne scheint. Wollen Sie auf der Terrasse einer Alphütte in einem nassen Liegestuhl liegen? Oder lassen Sie Ihre Kinder im kühlen Herbst ohne Regenhosen im nassen Sand spielen?
Kälte und Nässe machen auch Kälber krank und lassen den Antibiotikaverbrauch in die Höhe schnellen. Frische Luft ist auch für Kälber gut. Frische Luft reduziert die Konzentration von Schadgasen und verdünnt die Anzahl Viren und Bakterien, aber die Kälber müssen gut geschützt sein. Das Forschungsprojekt Freiluftkalb der Vetsuisse-Fakultät Bern wurde im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 72 zur Reduktion der Antibiotikaresistenzen durchgeführt. In mehreren Studien konnten die Forschenden zeigen, dass Freiluftkälber 80 Prozent weniger Antibiotika brauchen als Mastkälber in herkömmlicher Haltung. Der Antibiotikaeinsatz betrug bei Freiluftkälbern im Vergleich zur herkömmlichen Haltung also nur einen Fünftel. Das ist ein riesiger Erfolg bei einem Thema, wo die Landwirtschaftspolitik schon lange hilflos an Ort tritt.
Dieser Erfolg muss sich in der Subventionspolitik des Bundes niederschlagen, wenn es dem Bundesrat mit der Reduktion des Antibiotikaeinsatzes tatsächlich ernst ist und wenn er eine Eindämmung will. Aussenflächen müssen bei den Kälbern zu hundert Prozent und nicht nur teilweise überdacht werden.
In der Rinder- und Kälbermast werden laut Statistik des BLV noch immer jährlich über 7000 Kilogramm Antibiotikawirkstoffe eingesetzt. Rinder und Kälber sind die Nutztierkategorie, die mit Abstand am meisten mit Antibiotika behandelt wird. Trotz der Antibiotikastrategie des Bundes hat die Anzahl der Behandlungen in der Rinderaufzucht und -mast von 2020 auf 2021 zugenommen und verbleibt damit auf sehr hohem Niveau.
Der hohe Antibiotikaeinsatz und die zunehmende Tendenz bei der Anzahl der behandelten Tiere bedeuten dringenden Handlungsbedarf. Freiluftkälber werden ganzjährig im Aussenbereich gehalten. Dazu steht ihnen nach einer kurzen Quarantänephase dauerhaft ein grosser Auslauf mit reichlich Stroh zur Verfügung; dieser Auslauf muss gedeckt sein. So sind die Kälber vor Regen und Hitze geschützt.
Wegen der hundertprozentig überdachten Aussenfläche erhält dieses tierfreundliche Produktionssystem keine Tierwohlbeiträge aus dem Programm RAUS. Für die Landwirtschaft ist die Umsetzung des Freiluftkalb-Konzeptes deshalb finanziell nicht interessant, und so wird es nicht eingesetzt. Das Produktionssystem Freiluftkalb zeigt nur seine volle Wirkung, wenn die ganze Aussenfläche überdacht ist. Man kann nicht einfach ein Stück des Daches entfernen, sonst saugt sich das Stroh voll, wird nass, und die Kälber legen sich nicht mehr drauf.
Das Nationale Forschungsprogramm "Antimikrobielle Resistenz" (NFP 72) wurde mit Forschungsgeldern in Millionenhöhe unterstützt, um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren und die Resistenzbildung einzudämmen. Es ist nicht verständlich, warum Handlungsempfehlungen, die von diesem Forschungsprogramm ausgehen und relativ einfach umsetzbar sind, nicht umgesetzt werden. Der Bundesrat wollte sogar im Zusammenhang mit der Massentierhaltungs-Initiative entsprechende Fördermöglichkeiten im Rahmen der AP22+ vorschlagen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, diese Massnahmen umzusetzen. Auch die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) setzt sich für die Motion ein, denn aufgrund des hohen Antibiotikaeinsatzes in der Rinder- und Kälbermast sowie der zunehmenden Tendenz bei der Anzahl der behandelten Tiere besteht dringender Handlungsbedarf.
Ich bitte Sie, meine Motion zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Rinder- und Kälbermast anzunehmen und zu überweisen.