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Villiger Kaspar · Bundesrat · 2003-03-17

Villiger Kaspar · Bundesrat · Luzern · 2003-03-17

Wortprotokoll

Es enttäuscht mich, dass Herr Gentil enttäuscht ist. Ich glaube, dass der Vorwurf, die Bundesverwaltung nehme dieses Anliegen nicht ernst, unberechtigt ist. Umgekehrt glauben wir aber, dass das Malaise gegenüber einem grossen Hersteller allein nicht genügt, um die ganze Frage zu beurteilen. Ich sage gerne ein paar Worte dazu, vor allem auch deshalb, weil die Bundesverwaltung oder die entsprechenden Organe im Moment auch daran sind, eine eigentliche Open-Source-Strategie zu entwickeln. Wir verdrängen das Problem also überhaupt nicht. Das Problem, wie es Herr Gentil schildert, existiert.

Was sind unsere Kriterien für die Auswahl von Software? Wir sind uns dessen bewusst, dass Informatik und Telekommunikationstechnik jene Instrumente sind, die die Erledigung der vielfältigen Kernaufgaben beim heutigen Personalbestand - auch wenn es sein mag, dass dieser als gross empfunden wird - überhaupt noch ermöglichen. Wir wollen diese Aufgaben ja auch wirtschaftlich erledigen. Das sind die Kriterien für den Einsatz der Systeme und auch der Software. Wir müssen vom benötigten Funktionsumfang ausgehen, [PAGE 257] auch von der Sicherheit und von der Zuverlässigkeit und natürlich von der Wirtschaftlichkeit.

Nun sind in der Bundesverwaltung heute jene gängigen Softwarelösungen am stärksten verbreitet, die auch in den kantonalen und ausländischen Verwaltungen sowie in der Wirtschaft am stärksten verbreitet sind. Dort, wo eine übergreifende Zusammenarbeit unabdingbar ist, z. B. in den Bereichen Büroautomation und Ressourcen, werden vor allem kommerzielle Softwaresysteme eingesetzt. Freie Software wie Linux wird in einzelnen Verwaltungseinheiten im Sinne eines Pilotprojektes angewendet. In wieder anderen Bereichen, z. B. bei Servern für Internet- und Intranetanwendungen, ist freie Software schon heute Standard, und sie wird auch eingesetzt.

Zu den Kosten: Freie oder offene Software ist Software, deren Quellcode offen zugänglich ist und die ohne Einschränkungen genutzt, kopiert und verändert werden kann. Deshalb fallen keine oder nur geringe Kosten für Lizenzen an. Entscheidend sind aber nicht nur die Kosten für Lizenzen, sondern die Gesamtkosten eines Systems, und zwar während seiner ganzen Lebensdauer, inklusive der Kosten für die Einpassung in das Gesamtsystem, die Wartung und die Schulung.

Wir wissen, dass die Open-Source-Software im Deutschen Bundestag aus politischen Gründen forciert wird. Die Verantwortlichen sagen uns aber, dass die daraus resultierende Kombination von freier Software auf dem Server - Linux - und Herstellerprodukt am Arbeitsplatz - Microsoft Office - teurer ist als eine einheitliche Lösung. Wir würden uns also fragen, ob es klug ist, nur wegen des Prinzips etwas teurer zu machen.

Die Funktionalität kann beim Auswahlentscheid sowohl bei der kommerziellen als auch bei der freien Software relativ problemlos beurteilt werden. Schwieriger ist es bei der Zuverlässigkeit: Dort ist eine Evaluation von kommerzieller Software in aller Regel einfacher, weil bei ihr klare Verantwortlichkeiten, klare Strukturen und klare Qualitätssicherungssysteme bestehen. Man kann auch auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Jede Software hat auch Sicherheitslücken. Es ist wichtig, dass erkannte Defizite schnell und zuverlässig behoben werden. Bei einem weltweit breit eingesetzten Produkt, für das ein Hersteller eine klare Verantwortung trägt, ist das meist gewährleistet. Freie Software ist hier gemäss meinen Fachleuten riskanter. Wo aber monopolähnliche Situationen bestehen, werden Bestrebungen zur Lockerung einseitiger Abhängigkeiten klar unterstützt. Hier sind wir auch der Meinung, dass der Einsatz freier und offener Software zunehmend an Bedeutung gewinnt. Aber auch hier ist die Wirtschaftlichkeit über die ganze Lebensdauer hinweg ausschlaggebend.

Um die Frage im Lichte der gegenwärtigen Situation - Nove-IT ist bald abgeschlossen - und der möglichen Entwicklungen umfassender zu beurteilen, wird von den zuständigen Fachorganen gegenwärtig eine Open-Source-Strategie der Bundesverwaltung erarbeitet. Die Situationsanalyse wird bis Juni 2003 fertig sein, dann wissen wir mehr. Bis Oktober dieses Jahres ist eine fertige Strategie zu erwarten. Ich glaube, das ist dann durchaus etwas, was Ihnen unsere Fachleute gerne einmal präsentieren werden, wenn Sie sich dafür interessieren, welche Schlussfolgerungen gezogen worden sind. Wir sind hier nicht stur. Ich wehre mich auch nicht dagegen, wenn Sie das Postulat aufrechterhalten und später abschreiben wollen, denn wir sind ja bestrebt, der Sache nachzugehen. Ich wehre mich nicht dagegen, wenn Sie das Anliegen am "Kochen" halten wollen und es dann vielleicht erst beurteilen, wenn Sie auch die Strategie gesehen haben, wie es nun in der Bundesverwaltung weitergehen wird.