Paganini Nicolò · Nationalrat · 2024-02-28
Paganini Nicolò · Nationalrat · St. Gallen · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2024-02-28
Wortprotokoll
Mit dem vorliegenden Postulat möchte ich erwirken, dass der Bundesrat einen sachlichen Blick auf das Phänomen der Teilzeitarbeit in unserem Land wirft. Ich danke dem Bundesrat, dass er das Postulat zur Annahme empfiehlt, und ich bin gleichzeitig sehr gespannt auf die Argumente von Kollegin Funiciello, weshalb dieses Postulat des Teufels sein soll.
Immer mehr Menschen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. So hat der Anteil der Teilzeitmänner von 1991 bis 2022 von 7,8 auf 18,7 Prozent und bei den Frauen von 49,1 auf 57,9 Prozent zugenommen. Diese Entwicklung hat eine positive Seite, ist sie doch mit einer höheren Erwerbsquote der Frauen verbunden. Arbeiten bei einem Paar beide 70 Prozent, so führt dies zu einem höheren Arbeitsvolumen, als wenn nur eine Person Vollzeit arbeitstätig wäre. Ich möchte das hier nochmals betonen: Ich beurteile jede neu geschaffene Teilzeitstelle, welche die Erwerbsquote erhöht, positiv. [PAGE 68]
Aber in einem gewissen Sinn negativ zu Buch schlägt eben auf der anderen Seite der Anstieg der Teilzeitarbeit bei Personen, die keine familiären Unterstützungs- und Versorgungsaufgaben haben. Ich möchte da nicht die Moralkeule schwingen, und in einer liberalen Wirtschaftsordnung sind die freie Wahl des Arbeitspensums und der Verzicht auf den Einsatz eines Teils der eigenen Ressourcen im Arbeitsprozess natürlich nicht infrage zu stellen. Trotzdem wäre es interessant, mehr über die Motive dieser "freiwilligen Teilzeitarbeit" zu erfahren. Steht eine bessere Work-Life-Balance im Vordergrund? Wird die Zeit für gesellschaftliche Engagements ausserhalb der bezahlten Arbeit genutzt? Geht es um die Optimierung der Steuerbelastung? Sollen Schwelleneffekte, beispielsweise bei der individuellen Prämienverbilligung, vermieden werden?
Für die Politik interessant sind die Antworten auf diese Fragen, weil sie Hinweise darauf geben können, was der Gesetzgeber allenfalls dazu beitragen kann, dass wieder mehr Personen in höheren Pensen arbeiten. Denn das Arbeiten in freiwillig gewählten Teilzeitpensen hat natürlich Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft: Es führt zu einer Verringerung des Arbeitsvolumens, was angesichts des Fachkräftemangels und der bevorstehenden Pensionierung von Hunderttausenden von Babyboomern problematisch ist.
Weil die zusätzlich benötigten Arbeitskräfte im Inland kaum zu finden sind, führt das Arbeiten in freiwillig gewählten Teilzeitpensen zu einer zusätzlichen Arbeitsmigration, mehr Köpfen und damit zu zusätzlichen Kosten für unsere Infrastrukturen. Kleinere Pensen heisst kleinerer Lohn, heisst weniger Einnahmen bei den direkten Steuern, Mindereinnahmen bei den über Lohnbeiträge finanzierten Sozialversicherungen und Mehrausgaben bei der individuellen Prämienverbilligung. Für die Arbeitgeber gibt es Herausforderungen bei der Planung der Arbeitseinsätze und bei Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen allenfalls zusätzlichen Stress, wenn Stellen nicht besetzt werden können, was dann vielleicht wieder zum Wunsch nach einer Pensenreduktion führt usw. usw.
Es wird wohl weitere, durchaus auch positive Effekte geben, die im Bericht darzustellen sind. Interessant ist auch die Beantwortung der Frage, ob zwischen freiwilliger Teilzeitarbeit und der Höhe des erzielbaren Einkommens für ein Vollzeitpensum sowie dem letzten Bildungsabschluss eine Korrelation besteht. Bei den vorzuschlagenden Massnahmen ist darauf zu achten, dass nicht die eingangs beschriebenen Effekte der Teilzeitarbeit auf das Gesamtvolumen gefährdet werden, sondern eben dort Anreize für höhere Pensen geschaffen werden, wo der Verzicht auf "freiwillige Teilzeitarbeit" einen Beitrag zur Bekämpfung des Arbeitskräftemangels leisten kann.