Z'graggen Heidi · Ständerat · 2025-06-19
Z'graggen Heidi · Ständerat · Uri · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2025-06-19
Wortprotokoll
"Kleinstadt mit von Türmen akzentuiertem Schlosshügel auf Landzunge am oberen Zürichsee. Fantastische geschlossene 19.-Jahrhundert-Front am Hafen, Seepromenade vor Altstadt mit grosszügigem Platzraum": Rapperswil verzaubert. (Heiterkeit) Es verzaubert durch "seine einprägsame Silhouette, die es der Lage der Altstadt am See und am Felshügel verdankt sowie der Stellung des Schlosses und der Stadtkirche. Beide Bauten thronen auf der Hügelkuppe und wirken mit ihren Türmen weit über den See hinweg." So beschreibt das Isos diese Schönheit.
Der Motionär kennt sie gut, er wohnt ja dort. Erstaunlich, wie die Motion mit dieser Schönheit kontrastiert. (Heiterkeit) Ich finde, seine Ausführungen verdienen einen weiteren Gegenpol.
Das Isos dokumentiert und zeigt, was in unseren einzigartigen Ortsbildern mit einem schweizweiten Qualitätsstandard schützenswert ist. Es hilft Behörden, Planungen zu ermöglichen, die Geschichte und Identität zu bewahren und gleichzeitig eine hochwertige, zukunftsfähige Entwicklung zu fördern. So bietet es klare Kriterien, ob Bauvorhaben zum Ortsbild passen oder es gefährden. Es ist wie die Frage, ob Senf zur St.[NB]Galler Bratwurst passt. Es ist wie die Frage, ob man einen Skoda-Motor in einen Ferrari einbaut. Es ist wie die Frage, ob auf Louboutin-Schuhe eine billige schwarze Gummisohle geklebt werden soll. Es geht um den Respekt vor dem Charakter eines Ortsbilds oder um einen brutalen Stilbruch. Ein unpassendes Bauprojekt zerstört den Charakter eines Ortsbilds. Es raubt die Qualität und Identität, es raubt die Seele. Umgekehrt ist ein einzelnes geschütztes Objekt ohne die passende Umgebung, wie es jetzt ausgeführt worden ist, Tristesse pur.
Ein Tourist beschrieb die Schweiz einmal als eine Aneinanderreihung von Postkarten, jede schöner als die andere. Alle diese Postkartensujets sind im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder erfasst. Kommen Sie mit mir auf eine Zugfahrt durch diese Postkartenschweiz. Blicken Sie aus dem Fenster, ich begleite Sie. Ich begleite Sie mit den Worten aus dem "NZZ am Sonntag"-Magazin vom 25.[NB]August 2024: "Das Land wird zugepflastert mit trostlosen Siedlungen, die Profitwut erzeugt Eintönigkeit. Die meisten Neubauten sind in Beton gegossener Durchschnitt." Und weiter: "Was in der Schweiz so an Gebäuden herumsteht, ist oft nur mit einem Wort zu beschreiben: Verbrechen." Oder: "Die Schweiz, die sich gerne als ländliche Idylle inszeniert [...], ist in Wahrheit ein einziger mehr oder weniger verdichteter und miteinander verbundener Vorstadtwurm." Wir würden diese neugeschaffenen Nichtorte verdrängen, immer noch die "NZZ", damit wir auf dem Weg zu unseren Postkartenzielen nicht vor lauter Mittelmass erschlagen würden - drastische Worte, schonungslose Worte, schmerzhaft präzise.
Wollen wir jetzt wirklich zulassen, dass unsere wertvollsten Isos-Ortsbilder von Mittelmass und eintöniger Belanglosigkeit erdrückt werden und zu trostlosen Siedlungen verkommen? Isos setzt klare Qualitätsmassstäbe, schützt den Bestand und fördert eine respektvolle, moderne Gestaltung. Es ist eine unverzichtbare Planungsgrundlage, die Behörden, Planer und Bauherren befähigt, die historische Identität zu bewahren und behutsam weiterzuentwickeln.
Dieses Instrument ist weltweit einzigartig. Es erfasst flächendeckend alle Ortsbilder, von Amsteg bis Zürich, vom kleinsten Dorf bis zur Grossstadt. Es ist in seiner heutigen Form und mit seinen Zuständigkeiten unersetzlich. Von rund 1200 Projekten in Isos-Ortsbildern werden jährlich im Durchschnitt gerade mal 44 von der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission begutachtet. Das heisst, dass die Begutachtung des Rests der Bauvorhaben in Isos-Ortsbildern auf kantonaler Ebene stattfindet. 44 Projekte, das sind weniger als 5 Prozent. Davon gelten etwa zwanzig Fälle, also rund 1,7 Prozent, als schwere Beeinträchtigungen; das bedeutet, dass es eine Neuplanung braucht, um irreversible Schäden zu verhindern. Diese 1,7 Prozent, die, wenn sie verwirklicht worden wären, allenfalls eine trostlose Betonwüste zurückgelassen hätten, sollen jetzt unser Problem sein.
Die Praxis ist etabliert. Das sind nicht massive Probleme, es sind keine Baublockaden - das ist, Herr Kollege Würth aus Rapperswil, die Übertreibung des Jahrhunderts. Natürlich gibt es Herausforderungen, verursacht durch unterschiedliche Auslegungen, die fehlende Koordination zwischen Kantonen und Gemeinden und durch den Druck von Wohnungsnot und Profitdenken. Wir haben es gehört, der Bundesrat setzt für pragmatische und flexible Lösungen auf den runden Tisch Isos; das hat meine Kollegin, Ständerätin Isabelle Chassot, sehr eindrücklich ausgeführt.
Was aber ist noch gravierender an dieser Motion, abgesehen davon, dass sie zu Kompetenzverschiebungen führen würde und verfassungsrechtliche Probleme mit sich brächte? Sie signalisiert, dass Mittelmass, eintönige, geschichtslose Siedlungen in der Schweiz akzeptabel sind. Es ist bedauerlich, dass das Isos oft schlechtgeredet wird. Dabei ist es gerade ein Kompass, der uns in eine bessere Zukunft führen kann. Das Problem liegt nicht am Inventar selbst, sondern am zunehmenden Baudruck und an der häufig fehlenden Planungsqualität.
Sie erinnern sich an die schonungslosen Worte aus der "NZZ am Sonntag", die Schweiz inszeniere sich gerne als ländliche Idylle, sei aber ein zusammenhängender Vorstadtwurm. Hier müssen wir ansetzen, genau hier. Die Schweiz braucht dort eine Qualitätsoffensive, wo Verdichtung Sinn macht: in Agglomerationen und halb verstädterten Dörfern. Dort liegt das Potenzial, aber auch das Problem: zersiedelte, monotone Funktionsinseln ohne wirkliches, freudiges Leben. Wir brauchen das Gegenteil: lebendige Quartiere, Nutzungsmischung, Identität und Aufenthaltsqualität. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Kantonen, Gemeinden und Städten, mit qualitätssichernden Verfahren, mutiger Raumplanung und gezielter Aufwertung.
Die Agglomerationen von heute können die schützenswerten Ortsbilder von morgen werden. Jetzt ist die Zeit zu handeln. Ich werde eine Motion einreichen, die den Bundesrat beauftragt, gemeinsam mit Kantonen und Gemeinden eine nationale Strategie zur qualitätsvolleren Transformation der Agglomerationen zu entwickeln, mit dem Ziel, monotone Räume zu lebendigen, gemischt genutzten, architektonisch hochwertigen Quartieren zu entwickeln. Das sind mutige Schritte. Wenn wir nicht zulassen wollen, dass unsere Ortsbilder, wie das unverwechselbare Rapperswil mit "von Türmen akzentuiertem Schlosshügel" am oberen Zürichsee, in einem eintönigen Einheitsbrei erstickt werden und unwiederbringlich verloren gehen, dann müssen wir jetzt handeln, das Isos als unverzichtbares Instrument stärken, das Wertvolle sichtbar machen und als Massstab für unsere Zukunft setzen.
Ich bitte Sie, die Motion abzulehnen.