Gredig Corina · Nationalrat · 2025-12-08
Gredig Corina · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2025-12-08
Wortprotokoll
"Die Schweiz ringt um ihren Ruf als Zentrum der Weltdiplomatie": Das konnten wir heute als Titel in einer Zeitung lesen. Das ist kein alarmistischer Titel - das ist eine nüchterne Diagnose. Ausgerechnet in dieser Session beraten wir über eine Motion aus dem Ständerat, die genau diesen Nerv trifft, nämlich betreffend die Finanzierung des multilateralen Systems und der internationalen Zusammenarbeit.
Die Mehrheit der Finanzkommission beantragt Ihnen nun aber, bei der internationalen Zusammenarbeit und bei den multilateralen Organisationen einmal mehr den Rotstift anzusetzen. Ich frage Sie ganz direkt: Wenn sogar die Schweiz beginnt, hier abzubauen, wer soll dieses System dann noch tragen? Multilaterale Organisationen sind die Infrastruktur einer vernetzten Welt, und die Schweiz lebt wie kaum ein anderes Land von offenen Märkten, von verlässlichen Regeln, von funktionierenden internationalen Institutionen. Wir brauchen diese Stabilität, und internationale Zusammenarbeit ist kein Goodwill-Projekt - sie ist schlussendlich Risikomanagement.
Wir tun oft so, als ginge es hier um ein bisschen freiwillige Wohltätigkeit, aber in Wahrheit geht es um knallharte Schweizer Interessen. Stabilere Regionen bedeuten weniger Konflikte, weniger Migrationsdruck, weniger humanitäre Krisen. Solche Konflikte und Krisen würden uns später teuer zu stehen kommen. Unsere Währung ist Glaubwürdigkeit, und unser Hebel ist das multilaterale System. Wer diese Strukturen schwächt, schwächt nicht irgendwen irgendwo - er schwächt eben auch ganz direkt die strategischen Interessen der Schweiz. Die Schweiz inszeniert sich zu Recht als Gastgeberin der Diplomatie, Hüterin des humanitären Völkerrechts, verlässliche Partnerin in Krisen. Davon profitieren wir politisch, wirtschaftlich und reputativ. Wer den Rotstift bei der internationalen Zusammenarbeit und den multilateralen Organisationen ansetzt, spart nicht. Denn wer hier kürzt, sägt am Ast, auf dem die Schweiz sitzt, und beschädigt damit einen Standortvorteil, der über Jahrzehnte aufgebaut wurde.