Suter Gabriela · Nationalrat · 2026-04-30
Suter Gabriela · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-04-30
Wortprotokoll
Erinnern Sie sich noch an den Fall Funda Yilmaz? Ihre abgelehnte Einbürgerung sorgte 2017 landesweit für Schlagzeilen. Eine 24-jährige Frau, Tochter türkischer Einwanderer, im Aargau geboren und aufgewachsen, ledig, fester Job, verlobt mit einem Schweizer, perfekt Schweizerdeutsch sprechend, einwandfreier Leumund, hatte den Staatskundetest fehlerfrei bestanden. Trotzdem wurde ihr Gesuch abgelehnt. Beim Gespräch mit der Einbürgerungskommission nannte sie als typische Schweizer Sportart das Skifahren. Die Kommission erwartete Schwingen und Hornussen als richtige Antworten. Sie wusste, dass Ostern gefeiert wird, aber nicht im Detail, warum. Sie wusste, dass man Frittieröl nicht in den Abfluss schütten darf, sie konnte aber nicht sagen, wohin man es genau entsorgt. Sie kannte fast alle Nachbargemeinden und die angrenzenden Kantone, aber sie machte einzelne Fehler. Kurz gesagt gab sie die Antworten einer ganz normalen jungen Frau.
Selbst bis weit ins bürgerliche Lager hinein löste der negative Entscheid damals Unverständnis aus. Sogar Kollege Andreas Glarner sagte damals, Funda Yilmaz sei wohl eine so gute Schweizerin wie wir alle. Der Fall warf unbequeme Fragen auf: Welche Kriterien sollen im Einbürgerungsverfahren gelten? Müssen Ausländerinnen und Ausländer die besseren Schweizer sein als die Schweizerinnen und Schweizer selbst? Ist der rote Pass eine Belohnung für besonders Angepasste oder die logische Konsequenz, wenn man hier wohnt, lebt und arbeitet, schlicht sein Leben hier lebt? Der Fall [PAGE 835] Yilmaz war ein Weckruf, und er hat punktuell Verbesserungen gebracht, aber er hat das System nicht grundlegend verändert. Zugespitzt formuliert, ist es heute weniger grob willkürlich, aber noch längst nicht systematisch fair.
Genau hier setzt die Demokratie-Initiative an. Sie will klare, einheitliche und nachvollziehbare Regeln für Einbürgerungen. Nicht die Frage, ob jemand ein bestimmtes Schweizer Profil hat, ob jemand ein bestimmtes Bild vom Schweizersein erfüllt, soll entscheidend sein, sondern es sollen schweizweit dieselben objektiven Kriterien gelten, um ein Einbürgerungsgesuch stellen zu können: fünf Jahre rechtmässiger Aufenthalt, keine schwere Straffälligkeit, keine Gefährdung der Sicherheit, grundlegende Kenntnisse einer Landessprache.
Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung, die hier lebt - das sind zwei Millionen Menschen -, hat keinen Schweizer Pass, obwohl sie hier arbeiten, Steuern zahlen und ihre Kinder hier zur Schule gehen. Sie können die Rahmenbedingungen, unter denen sie hier leben, nicht mitbestimmen.
Die Demokratie-Initiative will das Bürgerrecht zu dem machen, was es in einem modernen Staat sein sollte: kein Gnadenakt, sondern ein fairer, transparenter Verwaltungsakt auf Basis klarer Kriterien. Wer hier dauerhaft lebt, soll auch politisch dazugehören können - ohne Willkür, ohne regionale Unterschiede, ohne schwer nachvollziehbare Hürden. Denn eine Demokratie ist am stärksten, wenn diejenigen mitentscheiden können, die von ihren Entscheidungen betroffen sind.