Candan Hasan · Nationalrat · 2026-06-08
Candan Hasan · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-08
Wortprotokoll
Wissen Sie, woher das Uran kommt, welches wir tagtäglich in unseren Atomkraftwerken brauchen? Wo es abgebaut wird und wie? Wissen Sie, wie das Uran prozessiert und angereichert wird, über welche Firmen, Länder und Lieferketten, und was die Auswirkungen des Abbaus für Mensch und Umwelt in diesen Ländern sind? Das sind sehr zentrale und wichtige Fragen, welche mir der Bundesrat und die Verwaltung nicht wirklich beantworten konnten. Aber aus meiner Sicht braucht es dieses Wissen umso mehr, wenn wir hier und heute im Nationalrat eine Atomdebatte führen.
In einer Medienmitteilung teilte die Axpo mit: "Die Brennstoffversorgung der Kernkraftwerke Leibstadt und Beznau ist dank strategischer Reserven schon seit 2022 nicht mehr auf russische Quellen angewiesen." Nach umfangreichen Verhandlungen hätten neue Verträge zur Brennstoffbeschaffung mit Uranförderunternehmen aus Kanada und Kasachstan abgeschlossen werden können. Und jetzt kommt es: "Aus den Verträgen mit Kazatomprom entstehen keine finanziellen Flüsse nach Russland oder an russische Parteien."
So weit, so gut - oder doch nicht? Keine finanziellen Flüsse nach Russland - wirklich? Denn mit Rosatom, Putins Nuklearfirma, besteht eines der weltweit grössten Unternehmen, welches wie kein zweites in den Uranweltmarkt verwoben ist und bis vor einigen Jahren selbst Uranminen in Kasachstan betrieb. Schauen wir doch einmal, was Kazatomprom schreibt: "Weder Rosatom noch andere russische Unternehmen sind an den Minen beteiligt." Okay, also warum spreche ich denn noch hier vorne? Die Axpo hat es ja schon gesagt und Kazatomprom auch: keine Abhängigkeiten. Sie erahnen es: Die ganze Wahrheit ist eine andere, und jetzt müssen Sie sich etwas konzentrieren - es geht um Physik, Technologie und Ökonomie, und es wird etwas technisch.
Kazatomprom fördert Uran als Triuranoctoxid bzw. U3O8, das ist ein gelbes, relativ stabiles Pulver, das sogenannte Yellowcake. Dieses ist aber für die Atomkraftwerke nicht nutzbar. Es braucht nun zwei technische Schritte: Erstens muss Triuranoctoxid chemisch zu Uranhexafluorid umgewandelt werden, und zweitens muss das Uran in Zentrifugen angereichert werden. Natürliches Uran hat nur 0,7 Prozent spaltbares Uran-235 und 99,3 Prozent nicht direkt nutzbares Uran-238. Um das Uran im Kernkraftwerk nutzen zu können, benötigt man 3 bis 5 Prozent spaltbares Uran-235. Rosatom respektive seine Tochterfirmen gehören hier zu den global dominanten Anbieterinnen.
Für die Herstellung von Uranhexafluorid und die Anreicherung von kasachischem Yellowcake ist Kazatomprom weiterhin stark von russischer Infrastruktur abhängig, so zum Beispiel mit einem Joint Venture namens Uranium Enrichment Center, einer Partnerschaft von Kazatomprom mit Rosatom. Angereichertes Uran gehört vertraglich dem Kunden, also Kazatomprom, aber physisch und technologisch läuft es durch russische Anlagen. Rosatom generiert in der Wertschöpfungskette 50 Prozent des Wertes, den wir für den Brennstoff bezahlen, weil nicht der Uranabbau, sondern die Umwandlung und die Anreicherung das Nadelöhr sind. Konservativ geschätzt, basierend auf Weltmarktanteilen und typischen Beschaffungsstrategien - genau wissen wir das nicht, die Axpo sagt es uns ja nicht -, kommen etwa 30 Prozent des Urans der Axpo aus Kasachstan. Wenn man nun Uranverbrauch und Uranpreis mit diesen Informationen hochrechnet, dann fliessen zwischen 15 und 65 Millionen Schweizerfranken jährlich in russische Unternehmen.
Es liegt in unserer Verantwortung, dass wir diese Abhängigkeit in Zukunft minimieren und Transparenz schaffen. Der Uranhandel ist heute ein undurchsichtiger Dschungel. Das Uran ist kaum rückverfolgbar, was jedoch nicht nur bezüglich der Abhängigkeiten, die ich geschildert habe, zwingend notwendig wäre, sondern auch bezüglich der Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Kasachstan gewinnt Yellowcake durch "in-situ leaching". Dabei wird Schwefelsäure in uranhaltige Gesteinsschichten gepumpt, um Uran im Untergrund zu lösen und wieder an die Oberfläche zu befördern. Dies birgt hohe Risiken mit Blick auf die Kontamination des Grundwassers mit radioaktiven Elementen und Schadstoffen. Über Umweltprobleme mit den Minen dort wird für die ganze Chu-Sarysu-Region berichtet.
Aus den genannten Gründen ist es deshalb nur logisch und folgerichtig, die in meinem Antrag geforderten Präzisierungen zu machen. Ich danke Ihnen, wenn Sie diese Minderheit unterstützen.