Brizzi Simona · Nationalrat · 2026-06-08
Brizzi Simona · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-08
Wortprotokoll
Ich wohne 15 Kilometer von Beznau, 25 Kilometer von Leibstadt und 35 Kilometer von Gösgen entfernt. Wir werden periodisch mit Jodtabletten ausgerüstet, sind sensibilisiert und kennen die Chancen und Risiken der Kernkraft aus unmittelbarer Nähe. Vielleicht deshalb hat eine Aargauer Bundesrätin, Doris Leuthard, den Weg in die Energiezukunft geebnet - nicht mit neuen AKW, sondern mit der Förderung von alternativen Energien.
Die Schweiz hat entschieden. Das Volk hat den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen und die Energiewende in Volksabstimmungen bestätigt. Wer heute neue AKW fordert, stellt diesen demokratischen Entscheid infrage. Vor allem: Neue AKW lösen unsere aktuellen Probleme nicht. Sie würden frühestens um das Jahr 2050 Strom liefern. Zur Versorgungssicherheit, die jetzt immer wieder in den Mittelpunkt gestellt wird, tragen sie in den nächsten Jahren gar nichts bei.
Dafür hätten sie einen hohen Preis. Überall in Europa und in Nordamerika zeigen neue AKW dasselbe Bild: jahrelange Verzögerungen und gigantische Kostenüberschreitungen. Beispiel Frankreich: Am Ende kostete das AKW 23,7 Milliarden, die Kosten wurden um das Siebenfache überschritten. Für 6 Milliarden Franken bekommen wir 30 F-35. Für 23,7 Milliarden bekämen wir 120 F-35. Oder ein anderes Beispiel: Im Entlastungspaket haben wir 1,8 Milliarden Franken gespart, es wäre also 13-mal das Entlastungspaket.
Am Ende bezahlt die Bevölkerung, entweder über höhere Strompreise oder mit Steuergeldern. Denn neue AKW sind nur mit massiver staatlicher Unterstützung denkbar. Jeder Franken, der in atomare Luftschlösser fliesst, fehlt bei Solarenergie, Wasserkraft, Windkraft, bei Speichern und intelligenten Netzen, also bei den Lösungen, die heute verfügbar oder bald verfügbar sind und sofort Wirkung entfalten.
Hinzu kommen Abhängigkeiten, die ich nicht möchte. Das Uran stammt immer noch aus Russland oder Kasachstan. Jetzt haben wir gehört, wir bezögen Uran aus Kanada, welches dann in Europa weiterverarbeitet werde. Die Unternehmen, die in Europa Uran anreichern, arbeiten aber weiterhin auch mit russischem Uran. Kurz: Russland spielt auf dem internationalen Uranmarkt nach wie vor eine wichtige Rolle.
Wer von Energiesouveränität spricht, sollte nicht neue Abhängigkeiten schaffen. Die alten Probleme bleiben ungelöst. Das Risiko schwerer Unfälle verschwindet nicht, und der radioaktive Abfall bleibt über Generationen eine Belastung. Keine Initiative und kein Gegenentwurf schaffen diese Probleme aus der Welt.
Ich möchte eine sichere, bezahlbare und nachhaltige Energieversorgung für alle. Milliarden für neue AKW bedeuten Milliarden, die für wirklich nachhaltige, erneuerbare Energien, für Energieeffizienz, für den Klimaschutz, für unsere Gesellschaft und unser Land fehlen.
Die Energiewende, wir haben es gehört, schafft Wertschöpfung im Inland, stärkt das lokale Gewerbe und schafft Arbeitsplätze. Unser Land braucht den Willen zum konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien. Schauen Sie nach Spanien oder Deutschland: Dort machen Strom aus Sonne und Wind bereits fast die Hälfte des Landesbedarfs aus. Die Schweiz braucht keine Rückkehr zur Kernkraft, erst recht nicht durch die Hintertür, unter dem "Deckmänteli" der Technologieoffenheit.
Darum ein klares Nein zur Volksinitiative "Jederzeit Strom für alle" und ein klares Nein zum indirekten Gegenentwurf und ein klares Ja zu einer sicheren und erneuerbaren Energiezukunft.