Seiler Graf Priska · Nationalrat · 2026-06-08
Seiler Graf Priska · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-08
Wortprotokoll
Um es gleich vorwegzunehmen - das ist jetzt nicht die pure Überraschung -: Ich bin klar gegen die Aufhebung des AKW-Neubauverbots, dies vorwiegend aber auch aus sicherheitspolitischen Überlegungen. Die Befürworterinnen und Befürworter neuer Atomkraftwerke argumentieren oft mit der tiefen Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls. Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, sind die Folgen im Ereignisfall verheerend. Ein schwerer atomarer Unfall hätte Auswirkungen über Generationen hinweg - für die Bevölkerung, für unsere Umwelt und für unsere Wirtschaft. Solche Risiken dürfen wir erst gar nicht eingehen.
Es gibt eine einfache wissenschaftliche Grundregel - mein Sohn, der Maschinenbauingenieur ist, wird es nicht leid, mich immer wieder daran zu erinnern -: Everything that can fail, fails. Oder anders gesagt: Jedes technische System kann versagen. Auch wird kein System je unfehlbar sein. Keine Technologie ist frei von Risiken. Dass es eine solche Technologie gibt, stimmt einfach nicht. Und die Geschichte der Atomenergie hat uns ja schon mehrfach vor Augen geführt, was für Unfälle möglich sind. Wer behauptet, ein Unfall sei in der Schweiz ausgeschlossen, verspricht etwas, das niemand wirklich garantieren kann. Die Eintretenswahrscheinlichkeit ist zwar klein, aber falls doch ein Unfall passiert - und das wird nach wissenschaftlichen Parametern geschehen -, sind die Auswirkungen katastrophal.
Hinzu kommt ein weiteres ungelöstes Problem: der radioaktive Abfall. Ich wohne in der Nähe des geplanten Tiefenlagers Nördlich Lägern im Zürcher Unterland. Seit Jahrzehnten nutzen wir Atomenergie, und noch immer verfügen wir über keine endgültig erprobte Lösung für die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle. Über den ganzen Zeitraum hinweg haben wir das nicht geschafft, seit sechzig Jahren nicht. Wir sprechen von Materialien, die über Zehntausende von Jahren gefährlich bleiben. Ehrlich gesagt, finde ich das nicht so beruhigend.
Gerade deshalb erscheint es mir widersprüchlich, ja geradezu unsinnig, überhaupt über den Bau neuer Atomkraftwerke zu diskutieren. Wir wissen noch nicht einmal abschliessend, was wir mit dem bestehenden Atommüll machen sollen, und gleichzeitig wollen wir noch munter mehr davon produzieren. Das ist keine verantwortungsvolle Politik gegenüber den kommenden Generationen.
Die Schweiz braucht eine sichere, nachhaltige und zukunftsfähige Energieversorgung. Dies erreichen wir mit dem konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien, mehr Energieeffizienz und modernen Speicherlösungen - nicht mit einer Technologie, die hohe Risiken verursacht und deren Hinterlassenschaften unsere Nachkommen noch über Jahrtausende beschäftigen werden.
Deshalb bitte ich Sie, sowohl die Blackout-Initiative wie auch den indirekten Gegenvorschlag abzulehnen.
[VS]