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Candan Hasan · Nationalrat · 2026-06-08

Candan Hasan · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-08

Wortprotokoll

Herr Bundesrat, schön, sind Sie wieder da - und schön, meine Damen und Herren, sind Sie immer noch da.

Es wäre zweifellos eine beachtliche Leistung, wenn ein neues Kernkraftwerk gebaut würde. Aber nicht alles, was herausfordernd und technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. Am Ende des Tages wäre der Bau eines neuen Kernkraftwerks ein Pyrrhussieg. Das heisst, der Erfolg müsste so teuer erkauft und es müsste ein so hoher Verlust in Kauf genommen werden, dass er dem Sieger mehr schadet als nützt. Der Ausdruck geht auf den griechischen König Pyrrhos[NB]I.[NB]von Epirus zurück. Dieser besiegte im Jahr 279 v.[NB]Chr. in der Schlacht bei Asculum die Römer. Sein Ausspruch danach: "Noch so ein Sieg, und wir sind verloren."

Doch auch wenn wir diesen Sieg unbedingt wollten, er wäre in den kommenden 25 bis 30 Jahren aus mindestens vier Gründen nicht realisierbar: Erstens wissen wir nicht, wo wir ein neues AKW hinstellen. Zweitens wissen wir nicht, wo wir dessen Atommüll endlagern. Drittens wissen wir nicht, was für eine Technologie es sein soll. Viertens - und das vor allem - wissen wir nicht, wie teuer es wird und wer das neue AKW bezahlt.

Neue AKW sind zwar Wissenschaft, aber aus Sicht politischer Realitäten bleiben sie Science-Fiction. Neuerdings werden kleine modulare Reaktoren als Lösung angepriesen, so auch von Bundesrat Albert Rösti im "Rundschau Talk". Bis jetzt sind sie aber nichts als teure Luftschlösser. Ihre geringe Leistung von 300 Megawatt oder weniger macht sie noch unwirtschaftlicher als die grossen Meiler. Im US-Bundesstaat Idaho wollte Nuscale das erste Mini-AKW bauen und hatte dafür laut "Wirtschaftswoche" bereits 1,4 Milliarden US-Dollar an Subventionen erhalten. Im November 2023 wurde das US-Vorzeigeprojekt eingestampft, nachdem Nuscale die eigene Kostenschätzung massiv nach oben korrigiert hatte. In Argentinien wurde 2024 ein Small-Modular-Reactor-Design, das seit 2014 in Bau war, offiziell aufgegeben. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung in Deutschland kommt zur Einschätzung, die Markteinführung sei aktuell nicht absehbar.

Blackout-Initiative und indirekter Gegenvorschlag wollen neue AKW und die Aufhebung des Neubauverbots. Ich lehne beide ab, denn die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien, welche einheimischen, sicheren, klimaneutralen Strom produzieren. Wie Zukunft geht, zeigt der Kanton Luzern. Dort hat die Zukunft bereits begonnen. Dort gibt es weder AKW noch grosse Wasserkraftwerke, schon gar nicht ist man an ihnen beteiligt.

Die Stromabhängigkeit ist hoch; was der Kanton Luzern aber gemacht hat, ist eine neue Windkraftplanung und eine konsequente Umsetzung der Energiestrategie 2050, wie von Bundesrat Rösti verlangt. Im Kanton Luzern wird pro Kopf doppelt so viel Solarstrom produziert wie im Schweizer Durchschnitt. Das Entlebuch gilt als Pionierin der Windkraft. Auf dem Feldmoos der Gemeinde Entlebuch baute der Meisterlandwirt Roland Aregger 2005 das erste Windkraftwerk. Heute stehen dort mehrere Anlagen, und weitere sind in der Pipeline. Sie werden mehr Strom produzieren, als die Gemeinde Entlebuch verbrauchen wird. Projekte sind in über zwanzig Luzerner Gemeinden geplant, unter anderem in Escholzmatt, Willisau, Fischbach, Zell, Ufhusen, Doppleschwand, Hasle, Menznau und so weiter und so fort. Dort sollen fünfzig bis siebzig Windräder gebaut werden, also 6,5 bis 9,5 Prozent des von Bundesrat Rösti geplanten Ausbauziels bis 2050.

Die Atomnostalgie von Bundesrat Rösti würde den Kanton Luzern aber ausbremsen, und die unlösbaren Probleme wie das Restrisiko fataler Atomunfälle - siehe Fukushima und Tschernobyl - und die Entsorgung der Abfälle blieben bestehen. Uran stammt weiterhin aus Ländern, die Fragen bezüglich Menschenrechte und Umwelt aufwerfen, und macht uns von ihnen abhängig. Die AKW Beznau und Leibstadt werden immer noch mit Uran aus Anlagen betrieben, die unter russischem Einfluss stehen. Weiterhin fliesst Geld in Putins Kriegskasse. Neue AKW kosten enorm viel; sie sind ein Fass ohne Boden. Kein Unternehmen will sie ohne staatliche Finanzspritzen bauen. Die Axpo geht davon aus, dass der Neubau von Kernkraftwerken in der Schweiz staatliche Subventionen in Höhe von über 60 Prozent der Investitionskosten benötigen würde, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Das Risiko soll die Allgemeinheit tragen.

Um den Bogen zum Anfang meines Votums zu schlagen: Neue AKW und König Pyrrhos[NB]I.[NB]haben etwas gemeinsam, obwohl mehr als zweitausend Jahre sie voneinander trennen: Beide sind aus der Zeit gefallen. Die Zukunft ist da, und sie ist erneuerbar.

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