Müller-Altermatt Stefan · Nationalrat · 2026-06-09
Müller-Altermatt Stefan · Nationalrat · Solothurn · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2026-06-09
Wortprotokoll
Als Einzelredner Nummer 75 und als jemand, der sich bereits zu diesem Geschäft geäussert hat, fühle ich mich verpflichtet, Ihnen eine zusätzliche Sichtweise darzulegen - jene des Standortkantons eines neuen AKW. Der Standort ist gegeben: Es wird Gösgen sein. Ein neuer Standort lässt sich nicht sinnvoll ins Stromnetz integrieren. Beznau liegt auf einer Aareinsel, Leibstadt direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg; ein Neubau dort würde erhebliche Friktionen verursachen. Es ist daher klar, dass ein neues AKW in Gösgen stehen würde.
Ich war Ende der Nullerjahre Kantonsrat im Kanton Solothurn. Wir diskutierten damals die Richtplananpassung für das Kernkraftwerk Niederamt (KKN) als Ersatz für Gösgen. Es bestand ein breiter Konsens: Gösgen wird irgendwann ersetzt werden müssen, die erneuerbaren Energien standen noch am Anfang, und den Strommix von 60 Prozent Wasserkraft und 40 Prozent Kernkraft wollten wir aufrechterhalten. Entsprechend brauchte es die Richtplansicherung für das KKN.
Dann kamen die Anrufe, auch an mich als Kantonsrat - nicht etwa von Greenpeace oder von der Linken, sondern von bürgerlichen Gemeindepräsidenten aus dem Niederamt, aus der Region zwischen Olten und Aarau. Sie sagten mir: Bitte tut uns das nicht noch einmal für sechzig Jahre an. Wir haben unseren Beitrag geleistet, wir sind diese Atomregion, wir haben auch wirtschaftlich davon profitiert. Aber wir wollen nicht auf immer und ewig Atomregion bleiben. Ein AKW wirkt auch als negativer Standortfaktor.
Natürlich gab es unterschiedliche Positionen. Der Gemeindepräsident von Däniken, der den grössten Teil der Abgaben erhielt, äusserte sich nicht. Jener von Dulliken opponierte im Kantonsrat vehement; seine Gemeinde profitierte nicht. Man kann einwenden, man könne die Erträge besser verteilen und Konflikte vermeiden. Doch bereits die Tatsache, dass solche Konflikte entstehen, spricht dagegen, ein neues AKW zu realisieren. Der Widerstand würde eskalieren - und das wäre noch der gesittetste Teil. Weniger gesitteter Widerstand käme aus halb Europa.
Wir sprechen von der Region zwischen Olten und Aarau, einer dicht besiedelten Agglomeration. Dort verläuft auch das Nadelöhr des schweizerischen Eisenbahnnetzes, die Achsen Bern-Zürich und Basel-Zürich. Wenn es dort "chlöpft", steht der Bahnverkehr in weiten Teilen der Schweiz still. Genau dort müssten wir ein neues AKW bauen - nur dort. Wir werden nicht zwanzig Jahre Krieg erleben, aber mindestens zwanzig Jahre mit anhaltendem Tumult. Dabei stehen uns im Rahmen der Energiestrategie und auch generell Energieformen zur Verfügung, die friedlichen Ursprungs sind und ohne solchen Tumult genutzt werden können.
Zur Kernkraft sage ich Ihnen deshalb: Als Einwohner des Standortkantons wiederhole ich, was mir die Gemeindepräsidenten aus der Region vor zwanzig Jahren gesagt haben - bitte tun Sie uns das nicht noch einmal an.