Galladé Chantal · Nationalrat · 2004-09-28
Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2004-09-28
Wortprotokoll
Ich möchte rasch etwas klären: Es kommt mir jetzt teilweise so vor, wie wenn wir Äpfel mit Birnen vergleichen und nicht mehr genau wissen, worüber wir reden. Wir reden bei dieser Zulassung nicht über die Berufe im GSK-Bereich. Es geht in den Minderheitsanträgen zu Absatz 1bis nicht um diese Berufe - damit wir uns im Klaren sind, worüber wir sprechen.
Wofür wurden die Fachhochschulen geschaffen? Weshalb haben wir das getan? Wir haben das getan, weil wir eine Stärkung des Berufsbildungsweges wollten, weil wir unser duales Berufsbildungssystem stärken wollten, weil wir eine höhere Schule für unseren Berufsbildungsweg anstrebten. So haben wir das vonseiten des Bundes auch den Kantonen "verkauft". Zum Teil haben wir das Ganze gegen den Willen der Kantone durchgezogen. Wir haben den Kantonen erklärt, dass die Berufsbildung gestärkt werden solle. Das war immer die Absicht.
Was machen wir jetzt, wenn wir einen der beiden Minderheitsanträge annehmen? Wir schwächen die Berufsbildung wieder. Das ist ganz klar. Einzig mit dem Entwurf des Bundesrates und der Fassung der Kommissionsmehrheit wird die Berufsbildung gestärkt. Die Berufsbildung wird damit als [PAGE 1443] Königsweg zu den Fachhochschulen aufrechterhalten und gewährleistet, denn so war sie gedacht. Nur der Antrag der Kommissionsmehrheit macht deshalb Sinn.
Wenn Sie einen der beiden Minderheitsanträge unterstützen, dann ziehen Sie die Konsequenzen: Schaffen Sie die Fachhochschulen ab, führen Sie das finnische System ein, machen Sie Gesamthochschulen. Dann geht das wieder auf. Aber unser duales System baut darauf, dass man in der Regel entweder eine gymnasiale Matur macht und dann an die Universität geht oder dass man eine Berufslehre macht, eine Berufsmaturitätsschule besucht und dann an die Fachhochschule geht. Dann kann man sich - die Passerelle ist gewährleistet - entweder die Praxis oder die Theorie dazu erarbeiten und entsprechend den Kurs wechseln.
Aber die Vertreter der Minderheit reduzieren jetzt den Wert der Praxis, indem sie sagen: Okay, um an die Universität zu gehen, muss man zuerst eine Matura machen; das leuchtet uns allen ein. Ich habe auch eine Lehre gemacht, dann musste ich zuerst das Gymnasium nachholen und konnte dann an die Uni gehen. Mir hat niemand gesagt: Du kannst dann vor dem Lizenziat noch die Matura nachholen, das genügt. Man braucht die Matura, bevor man an die Uni geht; das ist das theoretische Fundament.
Genauso übertragen wir es auf die Fachhochschulen; die bauen auf der Praxis auf, die Praxis ist dort das Fundament. Wenn ich also jemanden mit theoretischem Boden von der gymnasialen Matura her an die Fachhochschule bringen möchte, dann muss er die Praxis nachholen, und zwar auch vorher. Wie wollen Sie eine Klasse unterrichten, bei der ein Teil während vier Jahren eine Lehre gemacht hat und der andere Teil noch keinen Tag zur Arbeit gegangen ist? Stellen Sie sich einmal praktisch vor, wie das funktioniert. Alle von Ihnen, die schon einmal vor Leuten gestanden und diese unterrichtet haben oder versucht haben, ihnen didaktisch etwas beizubringen, werden merken, dass das nicht geht.
Wir werten die Praxis ab, indem wir sagen: Die Praxis ist eigentlich gar nicht so wichtig, sie ist nicht gleichwertig wie die Theorie. Das wollen wir nicht. Wir wollen, dass die Praxis gleichwertig wie die Theorie ist, aber andersartig ist als diese. Das ist die Konsequenz dafür, dass wir sagen: Der Zugang zu den Fachhochschulen verlangt von Anfang an Praxis, sonst ist eine gute Qualität des Unterrichts gar nicht mehr möglich. Sie können dort nicht unterrichten. Sie senken die Qualität, und Sie können das vergessen.
Ich bitte Sie deshalb wirklich, dem Antrag der Mehrheit der Kommission und damit der Fassung des Bundesrates zuzustimmen und nicht den Minderheitsanträgen, auch wenn es verlockender scheint, dort irgendwo zu öffnen. Denn die Fachhochschulen sagen: Doch, doch, wir sind schon für eine Öffnung. Wissen Sie, warum sie das sagen? Weil sie eine Kopfpauschale bekommen. Das ist das nächste Problem, das wir haben. Solange der Geldfluss so funktioniert, dass pro Schüler oder Schülerin Geld fliesst, so lange ist es vielen von ihnen egal, welches Niveau er oder sie mitbringt. Sie sagen sich: Hauptsache, das Geld kommt. Aber wir hier drin müssen etwas weiter schauen und dafür sorgen, dass der Praxisbezug erhalten bleibt, damit wir unsere Berufsbildung nicht zerstören.