Beerli Christine · Ständerat · 2000-06-06
Beerli Christine · Ständerat · Bern · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2000-06-06
Wortprotokoll
Ich habe mich zu Beginn sehr kurz gehalten, weil ich dachte, die Motion sei unbestritten. Ich erlaube mir jetzt doch noch, ein paar Bemerkungen anzufügen. Zu Beginn ein kleine humoristische Einlage: Mein Banknachbar sagte: "La preuve que c'est juste, c'est qu'il y a une lettre signée par l'Union suisse des arts et métiers et l'Union syndicale suisse, qui sont ensemble contre la motion."
Ich war mir nicht bewusst, dass ich in einen so sensiblen Bereich eingreife, und bin sehr überrascht über die damit verbundenen Emotionen. Ich sehe natürlich die Problematik sehr gut. Ich sehe auch, dass man differenziert vorgehen muss. Aber ich glaube nicht, dass es notwendig ist, derart viele Emotionen zu investieren; denn es geht uns allen um dasselbe. Wir wollen die Berufsbildung in keiner Art und Weise schwächen; die Berufsmaturität soll nach wie vor der Königsweg an die Fachhochschule bleiben. Das ist vollkommen unbestritten, und ich bin die Erste, die dafür einsteht. Gerade in den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Feintechnik usw. ist es von ausgesprochen grosser Wichtigkeit, dass die Studierenden eine berufliche Ausbildung mitbringen. Denn dadurch werden sie praxisorientierte Ingenieure und Ingenieurinnen. Das ist völlig unbestritten. Ich habe mit meiner Motion überhaupt nicht in diese Bereiche und Fachrichtungen eingegriffen.
Im Bereich IT ist die Situation etwas anders. Sämtliche Spezialisten, Pro Telekom z. B., die sehr hinter der Motion stehen, und die ganze Branche der Telekommunikation und der Informatik sagen, dass dort sehr wohl ein Studium aufgenommen werden kann, ohne dass die berufsspezifischen Kenntnisse schon vorliegen, vor allem im heutigen Zeitpunkt, wo wir in der Informatik praktisch noch keine Berufsschulabgänger haben.
Das wird sich ändern, wenn einmal die erwähnte grosse Anzahl an Informatikern, die durch eine Lehre gegangen sind, einen Lehrabschluss haben und so weit sind, dass sie in die Fachhochschulen kommen. Dann wird das Ganze neu überlegt werden müssen. Deshalb bin ich auch damit einverstanden, wenn der Bundesrat sagt, es gebe zeitlich befristete Lösungen, es gebe Lösungen, die noch zu evaluieren seien, die immer wieder zu begleiten seien, und man müsse auch Pilotprojekte ausarbeiten.
Im heutigen Zeitpunkt aber kann ich nicht verstehen, wenn wir uns in eine rigide, unflexible Immobilität flüchten, denn das Resultat wird sein - was Sie heute auch in der Zeitung "Der Bund" lesen können -, dass vom All Com College, vom SAP College und von all den anderen Colleges, die jetzt von privaten Unternehmungen aufgebaut werden, Informatikerinnen und Informatiker direkt produktespezifisch ausgebildet werden. Das erachte ich als Gefahr für den Wettbewerb, für die freie Wirtschaft und generell für die Volkswirtschaft, denn diese Leute sind dann ganz genau auf ein Produkt getrimmt. Ich glaube, dass der Staat und hiermit auch die Fachhochschulen die Aufgabe haben, Informatiker mit einem breiten Spektrum auszubilden und dies zeitgerecht zu tun, wenn die Nachfrage nach diesen Leuten vorhanden ist.
Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir hier eine Bildungsoffensive starten müssen. Ich höre immer und überall die Forderungen von Parteien nach Bildungsoffensiven. Wenn wir dann einmal eine Türe ein ganz kleines Stückchen öffnen und einen Schritt in der Richtung tun wollen, unsere Leute in den Berufen auszubilden, die tatsächlich gefragt sind, dann kommen alle Einwände der Welt, eine riesige Flut von Emotionen taucht auf, und es heisst: "Genau das können wir nicht tun."
Ich glaube, es ist nicht einmal ein mutiger Schritt, den ich Ihnen vorschlage. Es ist nur ein ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung.
Ich bitte Sie, die Motion zu überweisen.