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Widmer Hans · Nationalrat · 2005-06-08

Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-06-08

Wortprotokoll

Es ist etwas sehr schnell gegangen, was mich freut, und ich möchte noch etwas zum Hauptanliegen meiner Minderheit sagen.

Es geht da vor allem um den Ausdruck der "Mitgeschöpflichkeit", welchen ich schon vorher erläutert habe. Jetzt geht es um die sogenannte Fähigkeit, überhaupt Schmerz und Leid empfinden zu können. Es ist aus diesem Grund sehr wichtig, auch für die Tiere, denn die Tiere können das auch. Für ihr Überleben ist diese Empfindungsfähigkeit absolut zentral. Es ist ihre Überlebenschance, dass sie das können, genauso wie bei uns: Dort, wo wir keine Schmerzempfindung haben - das sehen wir bei den schlimmen Erkrankungen wie Krebs -, merken wir nichts, und plötzlich zeigt sich die Krankheit. Das ist bei den Tieren fürs Überleben ebenso wichtig wie bei uns. Aber dort, wo Tiere in menschlicher Obhut leben, muss der Mensch bei ihnen für die bestmögliche Vermeidung von Schmerzen, Leiden, Angst und Schäden sorgen.

Tiere sind empfindungsfähige Lebewesen und keine Maschinen; es ist nicht einfach so, wie die ETH seit zwanzig Jahren sagt: "Wir betreiben Pflanzen- und Tierproduktion, das ist etwas Maschinelles." Tiere sind keine Maschinen, sondern sie spüren eben Schmerzen und empfinden auch Lust und Freude. Leider wurde dieses alte Wissen, das die Menschen schon immer hatten, von der Philosophie verdunkelt. Für einmal muss ich jetzt einen Philosophen angreifen; nämlich gerade der berühmte Philosoph René Descartes verbreitete leider - das ist auch in das Weltbild der Forschung eingeflossen - mit grossem Erfolg den Unsinn, die absurde Vorstellung, die Tiere seien Automaten: Er sagte, wenn sie schreien würden, sei das zu vergleichen mit dem Betreiben einer Orgel, da würde man einfach Luft hineinblasen, und dann sei die mechanische Folge davon der Schmerzensschrei. So ist das aber nicht, die Tiere haben eine Empfindlichkeit und eine Fähigkeit, Schmerzen und Freuden zu empfinden.

Wissenschafter haben dieses Wissen der Menschheit, dass die Tiere empfinden können, dann trotzdem ausgebaut. Heute gibt es Erkenntnisse aus der Veterinärmedizin, der Zoologie, der Verhaltenskunde und dazu den grossen Erfahrungsschatz praktischer Tierhalter, die schon sehr genau sagen können, unter welchen Umständen Tiere leiden. Man hat also das Wissen sogar entwickelt. Das war nur möglich, weil man die Empfindungsfähigkeit der Tiere überhaupt als Forschungsvoraussetzung ernst nahm. Deswegen gehört dieser Begriff der Empfindungsfähigkeit in den Zweckartikel.

Diese Empfindungsfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden [PAGE 717] durch das ganze Gesetz. Man findet sie nämlich bei den Tierversuchen, bei den Tiertransporten, bei der Ferkelkastrationsthematik. Ich bitte Sie also, ein Element, das das ganze Gesetz wie ein roter Faden durchzieht, auch in den Zweckartikel aufzunehmen und nicht mit juristischen Bedenken zu kommen und zu sagen, das sei ein neues Konzept. In den "Zweck" hinein gehört die Definition der wichtigen Leitlinien, unter denen das ganze Gesetz steht.

Deswegen bitte ich Sie, der Minderheit I zuzustimmen, und dies bitte ich im Namen der SP-Fraktion.