Noser Ruedi · Nationalrat · 2005-06-16
Noser Ruedi · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2005-06-16
Wortprotokoll
Bei der Vorbereitung des Votums habe ich mich rasch in meiner Sitzreihe umgeschaut und habe festgestellt, dass die Arbeitgeber, die um mich herum sitzen, 240 Lehrstellen anbieten. Dabei ist das Ausbildungs-Center von Herrn Randegger nicht mitgezählt.
Wir diskutieren heute über diverse Vorstösse. Wenn man das aber objektiv anschaut, muss man ehrlicherweise sagen, leider wird keiner von diesen Vorstössen auch nur eine Lehrstelle schaffen. Es wurde jetzt von mehreren Vorrednern gesagt, es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, es gehe darum, das Richtige zu tun. Das Zeichensetzen wird schlussendlich nicht dazu führen, dass es eine zusätzliche Lehrstelle gibt.
Jahr für Jahr machen wir mehr solche Programme - Frau Galladé hat sogar noch darauf hingewiesen -, und Jahr für Jahr wird die Misere nicht kleiner. Also wäre es vermutlich einmal das Erste, was man tun müsste, alle diese vielen Programme auf ihre Wirkung zu untersuchen. Es gibt nämlich auch Programme, die nichts bewirken, und man könnte Geld umschichten.
Die Basis des Berufsbildungsgesetzes ist so aufgebaut, dass die Arbeitnehmer, die Arbeitgeber, die Kantone miteinander Lösungen finden. Das ist die Basis, das Konzept. Wir werden nicht darum herumkommen, auf dieser Basis zu arbeiten. In diesem Sinn möchten wir auch keinen zentralen Aktivismus haben, sondern wirklich die einzelnen Propagandisten motivieren, hier weiterzuarbeiten.
Wir haben in der Berufswelt, am Übergang in den Beruf, zwei Probleme: Das erste Problem - ich stelle es vereinfacht dar - ist schlicht und einfach, dass jemand, der eine Lehrstelle will, die Landessprache beherrschen muss. Das ist ein Muss. Es kann nicht Aufgabe des Arbeitgebers sein, diese Ausbildung anzubieten, sondern es ist Aufgabe des Schulsystems, die Leute so weit zu bringen. Das ist das Minimum, was man braucht. Geri Müller hat noch anderes erwähnt, was wichtig ist, dass man zu einer Lehrstelle kommt. Ich unterstütze alles, was er gesagt hat.
Wir haben aber noch ein zweites Problem, und das müssen wir auch ernst nehmen: Wir haben eine grosse Verschiebung in der Wirtschaft, nämlich vom Können zum Wissen. Die Lehre ist in erster Linie etwas für das Können. Das Wissen braucht zum Teil andere Ausbildungsgänge. Es ist eine Tatsache, dass halt eben nicht nur diese internationalen Konzerne, die zum Teil angesprochen werden, sondern auch sehr viele neue Branchen auf das Wissen ausgerichtet sind, wo es eben noch ganz andere Ausbildungsgänge gibt als unsere hoch geliebte und altherkömmliche Lehre.
So ist es z. B. bei uns. Wir bilden sechzehn Informatiker aus. Wenn bei uns jemand in die Lehre kommt, ist es ein Muss, dass er an die Fachhochschule geht, denn ohne diesen Übergang, habe ich den Eindruck, hat ein junger Mensch keine Chance, vierzig Jahre lang seinen Beruf auszuüben.
Das heisst, wir haben also sehr viele Probleme, die man angehen muss.
Wenn wir schon sagen, wir müssten viele Firmen motivieren, Lehren anzubieten, möchte ich zuerst einmal Bundesrat Deiss ein Kränzchen winden: Ich bin darüber orientiert, dass er mit der Wirtschaft im Gespräch ist und dass er eine Lehrstellenkonferenz durchführen wird, um diese Branchen, die hier gemeint sind, anzusprechen. Ob es dazu Postulate und Motionen braucht, möchte ich nicht beurteilen. Aber ich glaube, dass Bundesrat Deiss hier nicht nur Schelte verdient; es wird auch sehr viel gemacht.
Gestatten Sie mir dann noch eine andere Bemerkung: Gerade in den Dienstleistungsfirmen, die vorher angesprochen wurden, ist es halt so, dass wir in den letzten zehn Jahren auf die Sprache Englisch umgestellt haben. Die Korrespondenz in meiner Firma findet auf Englisch statt und nicht mehr auf Deutsch. Es besteht also auch hier eine Anforderung an die Schulabgänger, dass man vermutlich halt eben die englische Sprache können muss.
Wir haben in der Vergangenheit, und da möchte ich auf die Basislehrjahre zu sprechen kommen, viele Systeme geschaffen. Ich gebe dem Vorredner Recht, zum Teil wurden gewisse alte Systeme militant verteidigt, und es ging zu lange, bis neue Systeme eingeführt werden konnten. Aber ich möchte betonen: Es war nicht ein Gesetz, das eine Änderung verboten hat, es waren schlussendlich Arbeitgeber, [PAGE 905] Arbeitnehmer, Kantone, Organisationen, die zu lange Zeit brauchten. Wenn Sie daran denken, wie lange wir z. B. dafür kämpfen mussten, bis effektiv Informatiklehren mit anderen Berufsverbänden zusammen angeboten werden konnten - das war ein harter Kampf. Wir haben heute sehr viele Systeme, und die meisten Systeme sind gut, aber nur unter der Bedingung, dass ein Arbeitgeber involviert ist. Wir können die Lehre nicht ohne Arbeitgeber anbieten. Von daher gesehen sind die Basislehrjahre eine gute Sache, aber sie müssen zusammen mit dem Arbeitgeber angeboten werden. Es gibt heute alles: Es gibt Lehrverbünde, es gibt sehr viele Initiativen, die Arbeitgeberverbände arbeiten intensiv daran, es braucht hier keine Gesetzesänderung. Was es braucht, ist vielmehr Knochenarbeit an der Basis, um hier erfolgreich zu sein.
In diesem Sinne möchte ich den Rat davor warnen, einen Papiertiger loszutreten, auch wenn die Probleme wichtig sind: Keiner dieser Vorstösse wird schlussendlich auch nur eine zusätzliche Lehrstelle schaffen.