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Stadler Hansruedi · Ständerat · 2005-12-06

Stadler Hansruedi · Ständerat · Uri · Christlichdemokratische Fraktion · 2005-12-06

Wortprotokoll

Ein kohärenter, qualitativ hochstehender, durchlässiger und koordinierter Bildungsraum Schweiz ist unser gemeinsames Ziel. Die Frage lautet nun: Braucht es zur Gewährleistung eines solchen Bildungsraumes zusätzliche Bundeskompetenzen? Die kantonale Erziehungsdirektorenkonferenz als Hüterin des Bildungsföderalismus hat nun mit der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates den neuen Bildungsartikel gezeugt. Diese Vaterschaft ist anerkannt. Dies ist auch ein gewisses Eingeständnis, dass es heute in bestimmten Bereichen des Bildungswesens subsidiäre Bundeskompetenzen braucht. Es gehört heute zum bildungspolitischen Abc, dass grosse Teile der Bevölkerung für gewisse Auswüchse des Bildungsföderalismus kein Verständnis mehr haben. Diesen gesetzgeberischen Handlungsbedarf möchte ich nicht bestreiten, nachdem die kantonale Erziehungsdirektorenkonferenz zu diesem Schluss gekommen ist, auch wenn in diesem Saal vor noch nicht allzu langer Zeit der Handlungsbedarf anders beurteilt worden ist.

Ich bin somit für Eintreten. Im Hochschulbereich geht die vorgeschlagene Regelung meines Erachtens aber zu wenig weit. Dazu werde ich bei Artikel 63a noch einige Ausführungen machen.

Ist diese Revision ein grosser Wurf? Ich sage etwas provokativ: Nein. Damit komme ich zu einer grundsätzlichen Bemerkung zu unserem Bildungswesen, die ich einmal loswerden will und loswerden muss. Hand aufs Herz! Wir unterhalten uns hier immer wieder vor allem nur über schulorganisatorische und schulstrukturelle Fragen. Blockzeiten und Tagesschulen sind nur zwei Beispiele. Dann geht es vor allem auch um Finanzen für das Bildungswesen und um Finanzen für die Forschung. Über den Inhalt der Bildung sprechen wir nicht. Dies sollten wir aber.

Meine folgende Analyse ist ganz bewusst überspitzt. Wird eine neue Pisa-Studie veröffentlicht, geht immer ein grösserer oder kleinerer Aufschrei durchs Land. Ist der Pisa-Test wirklich das Mass aller Dinge? Sagt der Pisa-Test effektiv, was Bildung ist? Ich behaupte einmal: Nein.

Seit Jahren wird uns eingetrichtert, dass wir an der Wende von der Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft stehen. Die einflussreiche Bertelsmann Stiftung hat einmal geschrieben: "Auf unserem Weg in eine Wissensgesellschaft wird Information zum strategischen Rohstoff, Wissen zum wichtigsten Produktionsfaktor." Bei diesem heute von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, und einzelnen aktivistischen Bildungspolitikern verfolgten Konzept degeneriert der Mensch zum Wissensträger und zum sogenannten Humankapital. Und weil dies alles so gescheit tönt, werden diese Begriffe auch sofort nachgeplappert. Der Mensch wird zur Ware. Er hat keine Bildung mehr, sondern verfügt allenfalls noch über bestimmte Fertigkeiten. Der Pisa-Test spricht von Kompetenzen.

Ein solcher Mensch ist für mich eigentlich ungebildet und nicht fähig, mündig und kritisch zu denken und zu urteilen. Er verfügt auch kaum über ein geschichtliches Wissen - auf diesem basiert ja auch ein Teil des Gewissens -; er kann sich allenfalls noch über einige Fertigkeiten ausweisen, die ihm das Überleben sichern. Im Pisa-Test finden wir nichts von der Geschichte; wir finden nichts von der Literatur; wir finden nichts von der Philosophie, von den Künsten und auch nicht von einzelnen Bereichen der Naturwissenschaft. Wen interessiert schon Astronomie? Eher interessieren die Astrologie und das Wochenhoroskop in der Zeitschrift.

Die schulische Bildung wird heute von der OECD bis zur reproduzierenden Avenir Suisse unverfroren zu einem reinen Produktionsfaktor umfunktioniert. Neben der verdummten Masse gibt es noch die kleine Elite der herangezüchteten Hochbegabten. Es interessiert nur noch der Output des Bildungswesens. Ich möchte betonen: Es ist das gute Recht, ja es ist die Pflicht einer Wirtschaftsorganisation wie der OECD, die Wirtschaft und ihre Voraussetzungen ins Zentrum der Pisa-Studien zu stellen. Aber es ist meines Erachtens falsch, wenn diese Tests als allgemein verbindlicher Massstab für die Bildung genommen werden. Die Bildungspolitik begibt sich heute immer mehr auf einen Weg, der uns - das behaupte ich jetzt einmal - hinter die Aufklärung zurückwirft, hat doch die Aufklärung als höchstes Ziel der Bildung und Erziehung die Bildung zum mündigen und urteilsfähigen Bürger gefordert. Kant hat einmal gesagt: "Damit Menschen ihr Leben selbstverantwortlich gestalten und das Gemeinwesen mehr als bisher demokratisch mitbestimmen und mitgestalten können, brauchen sie eine urteilsfähige Allgemeinbildung, die sie in die Lage versetzt, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Die Schule und die Bildung hätten somit einen Eigenwert. Was mich beschäftigt, ist der Umstand, dass es nicht nur um ein anderes Verständnis der Bildung geht, sondern um ein anderes Menschenbild. Beim heutigen Vokabular wie "Wissensträger", "Humankapital" oder "Produktionsfaktor" fehlt mir einfach die Menschenwürde. Denn die Bildung hat für mich per definitionem auch einen Eigenwert; Bildung ist auch Menschenbildung.

Wenn ich sehe, auf welchen Weg sich die heutige Bildung begibt, dann denke ich, dass wir eigentlich über diese fundamentalen Fragen des Bildungswesens diskutieren sollten. So gesehen, sind die vorgeschlagenen Verfassungsbestimmungen eine völlig marginale Entwicklung und absolut nichts Revolutionäres. Revolutionäres läuft an einer anderen Stelle ab.

Aber das sollte uns nicht daran hindern, auf die Vorlage einzutreten.