Moser Tiana Angelina · Nationalrat · 2007-12-06
Moser Tiana Angelina · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP/EVP/glp · 2007-12-06
Wortprotokoll
Der Wald liegt der Schweizer Bevölkerung am Herzen. Das wurde mit der Debatte über das Waldsterben Mitte der Achtzigerjahre allen bewusst. Allfällige Änderungen im Waldgesetz dürfen deshalb nicht ohne Not angegangen werden. Heute steht die Tatsache im Vordergrund, dass der Wald mehrheitlich wächst. Insgesamt hat die Waldfläche in der Schweiz seit 1870 um 50 Prozent zugenommen. Die Zunahme erfolgte jedoch primär in den Alpen. Im Mittelland und in alpinen Tourismusgebieten steht der Wald nach wie vor unter Druck. Heute müssen wir uns deshalb fragen, welchen Wald wir wollen.
Der Schweizer Wald bietet eine Vielzahl von Leistungen, die uns allen aus verschiedenen Gründen wertvoll sind. Ich will Ihnen hier ein paar nennen.
Die Schutzleistung: Wälder in den Alpen erbringen eine erhebliche Leistung zum Schutz vor Lawinen. Stellen Sie sich vor, die Hänge oberhalb von Dörfern und Strassen seien alle statt mit Wald mit Verbauungen bestückt. Das hätte nicht nur finanzielle Lasten, sondern auch landschaftliche Beeinträchtigungen zur Folge.
Die Erholung: Die Berg- und Stadtwälder sind ein wichtiges Erholungsgebiet. Wer von Ihnen geht nicht ab und zu gerne an der frischen Luft im nahe gelegenen Wald spazieren? Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass der Erholungswert - der mentale und der physische - in der Natur deutlich höher ist als im Fitnesscenter.
Die Biodiversität: Die Situation der Artenvielfalt in der Schweiz ist alles andere als erfreulich. Der Wald leistet aber einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt. Mehr als die Hälfte der Schweizer Tier- und Pflanzenarten kommt heute im und am Wald vor.
Die Holznutzung: Gerade als Grünliberale sind wir uns der Bedeutung des Holzes als natürliche Ressource absolut bewusst.
Welchen Wald wollen wir? Der Wald soll möglichst ausgewogen alle diese Funktionen erfüllen können, je nach Gebiet mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten. Zu diesem Schluss ist auch das Waldprogramm Schweiz gekommen. Dort wird der Schwerpunkt primär auf die Schutzfunktion und die Biodiversität gelegt. Wir Grünliberalen sind der Überzeugung, dass eine Gesetzesrevision, die wohlgemerkt auch immer mit Kosten verbunden ist, nur dann in Angriff genommen werden soll, wenn auch wirklich eine markante Verbesserung erzielt werden kann - das heisst konkret: eine markante Verbesserung dieser einzelnen Leistungen und der Ausgewogenheit zwischen diesen Leistungen.
Die vorgeschlagene Revision wie auch die Volksinitiative "Rettet den Schweizer Wald" ermöglichen das nicht. Ich möchte die zentralen Punkte nochmals hervorheben.
Zur Gesetzesrevision: Erstens sind die vorgeschlagenen Änderungen mehrheitlich formaler und nicht materieller Natur. Zweitens bringen die vorgeschlagenen minimalen Anpassungen für die Waldbewirtschaftung kaum eine Verbesserung für die Biodiversität. Diese Meinung vertreten auch die Umweltverbände. Hingegen bringt die Revision für die Nutzung des Rohstoffes Holz insgesamt eine Verschlechterung.
Die Volksinitiative will erstens die Betonung des naturnahen Waldbaus verstärken und den Erhalt der Artenvielfalt auf Verfassungsstufe verankern. Das ist aus ökologischer Sicht grundsätzlich zu begrüssen. Schliesslich handelt es sich hier um öffentliche Güter. Die Initiative verschiebt aber das heute breit akzeptierte und gut funktionierende Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Leistungen des Waldes. Zweitens will die Volksinitiative den gesamten Wald unter Schutz stellen und das Rodungsverbot zusätzlich verschärfen. Diese absolute Forderung sieht gerade den Realitäten in Bezug auf die Waldzunahme nicht ins Auge. Die tatsächlichen Herausforderungen stellen sich aber erstens bei der Frage des Waldeinwuchses in den Alpen: Die Verwaldung und die Verbuschung schreiten ungehindert fort. Die Ursachen liegen primär in der Bewirtschaftung der Alpen, also in der mangelnden Möglichkeit zu roden. Zweitens liegen sie beim Druck auf den Wald im Mittelland und in den Tourismusregionen. Hier liegen die erfolgversprechenden Lösungen bei der Integration der Raumplanung und der Waldpolitik. Beide Herausforderungen wirken sich gerade auf die Biodiversität und auf das Landschaftsbild negativ aus.
Eine Lösung für diese Sachprobleme bieten die vorgeschlagene Gesetzesrevision und die Volksinitiative jedoch nicht. Ich möchte Sie deshalb bitten, auf die Gesetzesrevision nicht einzutreten und auch der Initiative nicht zuzustimmen. Das heutige Gesetz ist ein Kompromiss zwischen den beiden Vorlagen.