Allemann Evi · Nationalrat · 2007-12-19
Allemann Evi · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2007-12-19
Wortprotokoll
Wenn er die junge Generation anschaue, zweifle er an der Zukunft der Zivilisation, meinte Aristoteles einst, und Sokrates fügte an, die jungen Leute widersprächen ihren Eltern und tyrannisierten ihre Eltern. Die Klagen über das Verhalten der Jugend und die Verdorbenheit der jungen Generation sind wohl so alt wie die Menschheit. Gleichzeitig gelten jugendliches Auftreten und zumindest äusserliches Jungsein heute als dynamisch und erstrebenswert, frei nach der Devise: Jeder will alt werden, aber niemand alt sein.
Wenn wir heute über die Kinder und Jugendlichen in der Schweiz sprechen, ist dies in einem hohen Masse eine Stellvertreterdebatte. Die Direktbetroffenen sind leider nicht da, abgesehen von ein paar Vertreterinnen und Vertretern auf der Tribüne. Ich hoffe doch sehr, dass wir ihren vielschichtigen Bedürfnissen und unterschiedlichen Lebensumständen mit der heutigen Debatte einigermassen gerecht werden. Wenn Politikerinnen und Politiker über Jugendliche sprechen, geht es meist um Problemfälle, um Jugendliche, die kiffen, randalieren, rumhängen, Alkohol trinken oder sich prügeln. Eine ganzheitliche Kinder- und Jugendpolitik muss aber auch jener Mehrheit der Jungen Beachtung schenken, welche sich in die Gesellschaft integrieren will, verantwortungsbewusst ihren Alltag gestaltet und die hoffnungsvolle Zukunft unseres Landes ist.
Zwei Drittel aller Vorstösse, über die wir heute abstimmen werden, kommen von der SP-Fraktion. Im Fokus haben wir nicht eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen, sondern die junge Generation in ihrer gesamten Vielfalt. Ziel muss es sein, die Position der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz zu stärken, das heisst, sie als jüngste Mitglieder unserer Gesellschaft ernst zu nehmen, in den politischen Prozess einzubinden und zur Partizipation zu ermutigen. Das heisst aber auch, Mitgestaltungsmöglichkeiten zu offerieren und gleichzeitig Verantwortung zu übergeben, aber eben auch Verantwortung einzufordern, zum Beispiel Verantwortung im Umgang mit Konflikten oder etwa bei der Freizeitgestaltung. Kinder und Jugendliche stärken heisst auch, Perspektiven in schulischer, beruflicher oder gesellschaftlicher Hinsicht zu bieten. Perspektiven sind Chancen, die wir nicht einfach auf dem Silbertablett servieren, die sich aber in Kombination mit Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft in eine aussichtsreiche Zukunft verwandeln können. Kinder und Jugendliche stärken heisst, sie ihren Fähigkeiten gemäss zu fördern und zu integrieren, aber es heisst auch, Grenzen zu setzen und entschlossen Halt zu sagen, wenn Gewalt und Delinquenz ins Spiel kommen.
Um die Jugendgewalt nachhaltig einzudämmen, brauchen wir einen intelligenten Mix aus repressiven und präventiven Massnahmen und eine optimale Vernetzung aller Akteure auf den verschiedenen Ebenen. Dazu fordern wir eine nationale Konferenz zur Jugendgewalt. Denn wir brauchen eine Politik, die zwei bislang oft getrennte Handlungsebenen vereint: die kurzfristige Intervention und die langfristige Ursachenbekämpfung. Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens. Wir brauchen klare Grenzen, aber auch soziale Integrationsmassnahmen. In diesem Sinne appelliere ich an ein weitsichtiges Abstimmungsverhalten bei all jenen Vorstössen, die als Mosaiksteine zu einer zukunftsgerichteten Kinder- und Jugendpolitik beitragen; denn beim Stichwort "Jugend" sollte uns mehr als Probleme in den Sinn kommen, zum Beispiel unsere Zukunft.